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Malteser betreuen ab sofort Demenzkranke

Die Sorge um seine Frau bestimmt seinen Alltag. Die Gedanken am Tag. Die Träume in der Nacht. Theo Tillmann* pflegt seine Frau Margarete* zuhause. Vor fünf Jahren bekam sie die Diagnose Demenz. Heute weiß die 82-Jährige nicht mehr, wer der Mann ist, der nie von ihrer Seite weicht: ihr Ehemann. Unterstützt wird er vom ehrenamtlichen Entlastungsdienst für pflegende Angehörige der Malteser.
Vergesslich war sie immer schon, sagt Theo Tillmann. Ging sie einkaufen, fehlte oft etwas. „Meistens die Milch“, sagt der 85-Jährige. „Dabei hat sie Milch so gerne getrunken.“ Jeden Morgen zum Frühstück. Dazu gab es zwei Schnitten Brot mit guter Butter und selbstgemachter Erdbeermarmelade. „Sie hat mit jedem, den sie getroffen hat, ein Plauschchen gehalten. Vor lauter Erzählen hat sie’s Einkaufen vergessen.“
Irgendwann hat Margarete Tillmann vergessen nach Hause zu kommen. Weil sie nicht mehr wusste, wo das war. Drei Stunden lief sie vor dem Kaufmannsladen auf und ab, hat panisch Passanten angesprochen, geschrien, gezittert, geweint. Die Polizei hat sie heimgebracht. „Sie hat mich verstört angeschaut, ist in die Küche gegangen und hat sich ein Glas Milch eingegossen“, erinnert sich ihr Mann.
Das war vor vier Jahren. Heute weiß die 82-Jährige nicht, was sie mit der Milch anfangen soll, die ihr Mann ihr jeden Morgen auf den Frühstückstisch stellt. „Sie starrt sie einfach nur an“, sagt Theo Tillmann. Genauso wie die Zahnbürste. Die Toilette. Und ihn.

Über eine Million Menschen leiden in Deutschland an Demenz, bis 2050 soll sich die Zahl verdoppeln. 90 Prozent werden zuhause gepflegt, meistens vom Ehepartner. Jeder Zweite hat das Gefühl, dass ihn die Aufgabe an den Rand eines Burnouts bringt, fand kürzlich eine Forsa-Umfrage heraus.
Die Malteser bieten seit 2008 in Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland ehrenamtliche Entlastungsdienste für pflegende Angehörige an.
Theo Tillmann hat seinen Zahnarzttermin immer wieder verschoben. Bis sich sein Kiefer entzündete, er Fieber bekam und zum Arzt gehen musste. Da war der Malteser Entlastungsdienst das erste Mal bei ihm Zuhause. „Die Helferin hat auf meine Frau achtgegeben und ich konnte zum Zahnarzt.“
Viele Angehörige von Demenzkranken wissen nicht, dass ihnen Geld von der Pflegekasse für diese Entlastung zusteht. Die Höhe des Betrages hängt vom Grad der Demenz ab, nicht aber von der Pflegestufe. Die Standortkoordinatoren des Malteser Hilfsdienstes beraten und helfen auch gern beim Beantragen der Mittel. Vor allem aber betreuen die speziell ausgebildeten Malteser Demenzbegleiterinnen die Patienten und entlasten Partner, Kinder, Familien. Wann, wie oft und wie lange hängt von den Bedürfnissen der Angehörigen ab.
Zweimal in der Woche schaut eine Malteser Helferin für je zwei Stunden nach Margarete Tillmann. In dieser Zeit macht ihr Mann Erledigungen: Er geht zum Arzt, zur Bank oder Einkaufen. Letztens war er sogar beim Skatturnier in seiner einstigen Stammkneipe. „Die Demenz hat mir meine Frau gestohlen“, sagt Theo Tillmann. „Die Malteser haben mir wieder ein Stück Leben geschenkt.“
*Namen geändert

Um pflegenden Angehörigen wie Herrn Tillmann Entlastung und Hilfe zu bieten, erweitert
der Malteser Hilfsdienst in St. Ingbert sein Angebot: Zukünftig wird es neben vielen schon bestehenden Angeboten wie dem Besuch- und Begleitungsdienst, der Malteser Jugend und dem Sanitätsdienst auch den „Entlastungsdienst für Angehörige von Menschen mit Demenz“ geben. Der Entlastungsdienst richtet sich an alle pflegenden Angehörigen von Demenzkranken. Die ausgebildeten Malteser Demenzbegleiter kommen für eine oder zwei Stunden in die Familien und betreuen demenziell erkrankte Menschen. So haben Angehörige wieder Zeit für sich; entweder für längst fällige Arztbesuche oder lange vermisste soziale Kontakte zu Freunden und Nachbarn.
Ansprechpartnerin für den neuen Dienst in St. Ingbert ist Sabine Kayser. Die 45-jährige St. Ingberterin ist erst seit kurzem bei den Maltesern, für sie ist das Thema „Demenz“ aber genau das richtige: Die gelernte Altenpflegerin hat durch ihre Arbeit langjährige Erfahrung im Umgang mit demenzkranken Menschen. Die Mutter von zwei Kindern hat bei den Maltesern in St. Ingbert eine neue Herausforderung gefunden.
Am 21. August startet ein weiterer Kurs, mit dem die St. Ingberter Malteser ehrenamtliche „Demenzbegleiter“ ausbilden. Der Kurs findet am 25. 8. und 1.9. von 17:30 bis 21:00 Uhr statt und am 21./22. 8. und 4./5. 9. von 8:45 bis 16:00 Uhr im Pfarrheim St. Pirmin, Robert-Koch-Straße 2.
Die Betreuung demenziell erkrankter Menschen zu Hause ist ab sofort möglich. Zu den Angeboten gehört das „Café Malta“ – ein regelmäßiges Programm für demenzkranke Menschen, wo ausgebildete Malteser Helferinnen und Helfer einmal in der Woche Demenzkranke auch außerhalb ihrer Familien betreuen.

Für weitere Informationen über das neue Angebot der Malteser in St. Ingbert und für alle Fragen zum Demenzbegleiterkurs erreichen Sie Sabine Kayser unter der Telefonnummer 0175 – 93 29 558 oder per Mail unter sabine.kayser@malteser.org.
Website: www.malteser-st-ingbert.de

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