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Siebenpfeiffer-Preis 2010 – SPK

Homburg/Saarbrücken. Der bekannte investigative Journalist Günter
Wallraff erhält den diesjährigen Siebenpfeiffer-Preis der gleichnamigen
Stiftung. Die Jury-Kommission des 11. Siebenpfeiffer-Preises 2010 sprach
sich für den Publizisten und Journalisten aus, da er sich in der
Tradition Philipp Jakob Siebenpfeiffers für die freiheitlichen
Grundrechte und die demokratischen Grundwerte in herausragender Weise
engagiert.

Der Vorsitzende der Jury, der Intendant des Saarländischen Rundfunks,
Fritz Raff sagte: „Im Vordergrund steht nicht das zweifelsohne
respektable Lebenswerk Günter Wallraffs wie zum Beispiel die
Selbstankettung auf dem Syntagmaplatz in Athen als Protest gegen die
damalige Obristen-Diktatur. Ausschlaggebend für die Preisverleihung ist
vielmehr das aktuelle Engagement Wallraffs, das seinen Niederschlag in
den Medien gefunden und darin auch mitunter kontrovers beurteilt worden
ist.“

In der Jurybegründung heißt es weiter: „2008 arbeitete Günter Wallraff
einen Monat lang in einer Brotfabrik, um anschließend die dort
vorgefundenen schlechten Arbeitsbedingungen, Sicherheitsmängel und
Hygienezustände öffentlich zu beanstanden. Danach recherchierte er die
Lebenswelt von Obdachlosen, die sich zunehmend einem Klima von Angst und
Gewalt ausgesetzt sehen. Im Herbst 2009 reiste Günter Wallraff „ in
dunkler Hautfarbe“, von einem Kamerateam begleitet, durch Deutschland,
um dabei auf latenten und offenen Rassismus zu stoßen. Insbesondere
diese Aktion trug ihm in der Medienwelt nicht nur Zustimmung, sondern
auch Widerspruch ein.

Markant für seinen investigativen Journalismus ist sein Recherchestil,
nämlich sich zu „verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren“. Erst
diese Radikalität seiner Vorgehensweise ermöglicht die Findung der
Fakten, die sich in der Lebens- oder Arbeitswelt von Ausländern, Obdach-
und Arbeitslosen allzu oft als erbärmliche Missstände
herauskristallisieren. Erst das verdeckte Eintauchen in das
Untersuchungsumfeld ermöglicht den „Blick von innen“ und damit den
Einblick in die Diskriminierungen und Verletzungen der Betroffenen. Mit
seinen publizistischen Dokumentationen verschafft Günter Wallraff den
ansonsten Wehr- und Hilflosen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

In herausragender Weise engagiert sich somit Günter Wallraff trotz
zahlreicher Anfeindungen, Verunglimpfungen und Gerichtsprozessen für die
Menschenwürde derer, die in unserer von Wirtschafts- und Finanzkrise
gerüttelten Gesellschaft zu den Verlierern zählen. Seine
Recherchiermethode stößt überdies immer wieder Kontoversen über den
Umgang mit der Pressefreiheit an.“

Landrat Clemens Lindemann, Vorsitzender der Stiftung, erläuterte die
Geschichte und Hintergründe des Preises. Der Siebenpfeiffer-Preis wird
an Journalisten verliehen, die durch Veröffentlichungen in Presse,
Rundfunk und Fernsehen das demokratische Bewusstsein in unserer Zeit
fördern. Zwar ist die Freiheit der Presse im Grundgesetz verankert,
gleichwohl gibt es Tendenzen, die journalistische Unabhängigkeit
einzuschränken oder gar zu untergraben. Journalistisches Engagement, das
keine Rücksichten auf berufliche Karriere oder finanzielle Vorteile
kennt, soll mit dem Preis ausgezeichnet werden. Siebenpfeiffers
Forderung nach Pressefreiheit und sein persönliches Bekenntnis sind
dabei Vorbild:

„Die Presse muß nothwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller,
ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee
morden will, beginnt damit, daß sie die Presse knebelt“
zitierte er Ende 1831 in seiner Zeitung „Der Bote aus Westen“ den
französischen Dichter und Autor Alphonse de Lamartine.

Aus den Bewerbungen ermittelt eine Jury den Preisträger. Die Jury
setzt sich aus Mitgliedern zusammen, die von den Journalistenverbänden
in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland sowie Thüringen
beziehungsweise der Hambach-Gesellschaft für historische Forschung und
politische Bildung ernannt werden, einem wissenschaftlichen Vertreter
aus dem Bereich Neuere Geschichte sowie zwei Vertretern des
Saarpfalz-Kreises.

Der Siebenpfeiffer-Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird in einer
öffentlichen Feier verliehen.
Überdies regte die Jury-Kommission an, Susanne Babila eine Anerkennung
auszusprechen und ihr ein Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro zu übergeben.
Susanne Babila ist Hörfunk- und Fernseh-Journalistin beim SWR und
bearbeitet dort Themen wie Migration, Asyl und Interkultur. Für den Film
„Türkische Hochzeitsreisende, Familienehre vor Liebe?“ erhielt sie 2004
den Juliane-Bartel-Preis. Mit dem Film „Im Schatten des Bösen – der
Krieg gegen die Frauen im Kongo“ bekam sie den Deutschen
Menschenrechts-Filmpreis 2008 und 2009 den Marler Fernsehpreis für
Menschenrechte.

Bisherige Preisträger:
1987 Franz Alt
1989 Marie-Luise Scherer
1991 Siegbert Schefke und Aram Radomski
1994 Ralph Giordano
1997 Carola Stern
1999 Heribert Prantl
2001 Jürgen Leinemann
2003 Peter Scholl-Latour
2005 Heinrich Breloer und Horst Königstein
2007 Reporter ohne Grenzen

Die Preisverleihung 2010 findet am 21. November in Homburg statt.

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