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Fünf Jahre Not, fünfzig Jahre Elend: der Euro und das Saarland

Januar 2007 – fünf Jahre Euro. Was es da zu feiern gibt, ist mir schleierhaft. „Seit dem Euro habe ich nur noch halb so viel Geld auf dem Konto“, pflegte Großmutter zu sagen. Sie war nicht zu belehren. Jetzt ist sie tot. Noch weniger zum Feiern ist das zweite Jubiläum zum Jahreswechsel: „50 Jahre Eingliederung des Saarlands in die Bundesrepublik“. Was weiß ich über das einzige Bundesland, dessen Boden ich nie betreten habe? Praktisch nix, ich habe so gut wie gar kein Faktenwissen. Und das ist gut so. Das Faktenwissen ist ein Dämon. Eine Schlingpflanze, die alle Fantasie im Keim erstickt. Es verkleistert das Hirn mit zähen Fakten wie klebrige Klugscheiße, die die ernsten Geister der Sachlage mitten in den Thalamus gekackt haben.
Viel lieber plappere ich in charmanter Unbefangenheit nach, was ich irgendwo mal aufgeschnappt habe. „Der Euro ist ein Teufel.“ Großmutter hatte Recht. „Das Saarland ist irgendwie ein Teil von Frankreich oder so.“ Glaube ich auch. Und gerade das macht es so suspekt: Was erhoffte sich die BRD bloß von einem Landstrich, den noch nicht mal die Franzosen wollten? Für heute umgerechnet 2 Euro 47 also ging das Saarland zurück an Deutschland – nicht viel, aber es war kurz nach dem Krieg und die junge BRD brauchte das Geld. Die Franzosen waren gottfroh und die Saarländer ebenfalls: Wegen ihres Dialekts glaubten sie sich an die Seychellen verkauft.
Kohle und Eisen soll es im Saarland gegeben haben. Sonst nichts. Jetzt gibt es nicht einmal mehr das. Keiner hat Arbeit in diesem „Sachsen-Anhalt des Westens“. Der Saarländer lebt allein von Kohlenmonoxyd und Hass. Dazu mampft er Spezialitäten wie Froschhaxe mit Sauerkraut, Schneckeneintopf mit Möhren und Vollkornbaguette – deutsch-französische Bastarde allesamt. Den bösen langen Tag hängt er in Saarbrücken, der einzigen Ortschaft mit deutlich über 1.000 Einwohnern, in der „Tosa-Klause“ herum, der einzigen Sehenswürdigkeit des „Landes“, einer Trinkbaracke, in deren Hinterzimmer mit kleinen Jungen gehandelt wird – den Euro kennt man dort noch nicht. Dabei gibt es über das Jubiläum hinaus durchaus Zusammenhänge zwischen Euro und Saarland: Zwei trojanische Pferde im Vorhof der Zivilisation, zwei tickende Zeitbomben im Schoße Europas, zwei Hundehaufen im Sohlenprofil des Humanismus. Quer durchs Saarland fließt vermutlich die Saar, ein vollkommen vergifteter Tümpel, der die Leichen der Verzweifelten träge in Richtung französischer Grenze spült, hinter der sie sich dann mit den Trümmern havarierter Reaktoren zu einer Melange feuchter Alpträume verbinden.
Der saarländische Nationalheld heißt Frère Schacke und stolpert Unverständliches bruddelnd durch die mit unterirdischen Wäscheleinen lose verbundenen Fußgängerzonen von St. Ingbert, St. Norbert und St. Alibert, wo er die Härtegrade der Straßenlaternen einzeln mit dem Schädel vermisst. Zu seinem Glück ist es nur Saarstahl. Der höchste saarländische Feiertag ist Faulenzius‘ Abtreibung. Zu diesem Anlass ist es üblich, dem Durchreisenden am Gartenzaun Himbeerbrot mit Gesottenem zu reichen, sobald er aber nach der Gabe greift, ihm diese ins Gesicht zu schlagen, sich dreimal um die eigene Achse zu drehen und dabei „Har, har, har – willkommen an der Saar!“ zu rufen. Ich denke, so könnte es sein. Oder auch nicht. Egal. Wehret dem Faktenwissen! ULI HANNEMANN

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