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Wirklichkeitsleere Welten

Arbeit, Macht, persönlicher Erfolg, öffentliche Anerkennung und öffentlicher Applaus – das seien die Drogen, nach denen nicht wenige Politiker auf allen Ebenen süchtig seien: Jürgen Leinemann Redakteur beim „Spiegel“ in Berlin und Träger des Siebenpfeiffer-Preises, untermauerte diese These durch zahlreiche Beispiele.

Sein Vortrag unter dem Thema „Höhenrausch – Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker“ stand im Mittelpunkt des Festbankettes, zu dem die Siebenpfeiffer-Stiftung alljährlich zum 29. Januar einlädt. Genau an diesem Tag war 1832 im Zweibrücker Stadtteil Bubenhausen auf Initiative von Siebenpfeiffer und Wirth der „Preßverein“ gegründet worden. Dessen Zielsetzungen waren nicht nur die Unterstützung liberaler Zeitungen und verfolgter Journalisten, sondern insbesondere die Durchsetzung einer demokratischen Gesellschaftsordnung.

Schauplatz des Festbanketts, das seit 1987 stattfindet, war dieses Mal die Aula des Christlichen Jugenddorfes in Schwarzenbach, wo Clemens Lindemann über 250 Gäste zum Festbankett nach historischem Vorbild begrüßen konnte. Homburg und Zweibrücken, so der Landrat und Vorsitzende der Siebenpfeiffer-Stiftung, seien damals „Horte der Freiheit“ gewesen, die zahlreiche freisinnige Journalisten aus allen Regionen angezogen hätten. Selbst große Schriftsteller wie Heinrich Heine oder Ludwig Börne hätten die Arbeit des Preßvereins, der binnen kurzer Zeit 5000 Mitglieder in ganz Deutschland zählte, unterstützt. Lindemann freute sich über die stetig zunehmende Resonanz an diesem „Festbankett“. Unter dem Deckmantel des geselligen Beisammenseins hätten sich zu Siebenpfeiffers Zeiten die demokratische Opposition versammelt, weil Zusammenkünfte mit politischem Inhalt verboten waren. Zum 175. Jubiläum im nächsten Jahr kündigte Lindemann Großveranstaltungen an: So werde der Deutsche Journalisten Verband (DJV) seine dreitägige Bundestagung zum Jahrestag in Homburg und Zweibrücken veranstalten.

Die Politiker von heute „kennen das Leben nur aus dem Fernsehen und äffen es im Fernsehen nach“, beschrieb Jürgen Leinemann den „Wirklichkeitsverlust“, den er Politikern bescheinigte. Öffentliche Aufmerksamkeit sei die Droge, an der diese sich regelrecht berauschten. Vor einer Kamera sähen sie oft aus, „als wenn die einen Schuss kriegen. Möllemann oder auch Barschel hätten dafür ihr Leben gegeben. Bürger, Medien und Politiker stünden in einer symbiotischen Verbindung, in der sich von Fall zu Fall entscheide, wer der Parasit sei,“ beschrieb der studierte Historiker die Auswirkungen die fast schizophrene Differenz zwischen rasanter medialer Scheinwelt und politischer Realität, in der alle Entscheidungen extrem verlangsamt ablaufen.

Leinemann erinnerte in seiner mehr als 90minütigen Rede daran, dass die Pressefreiheit zu Zeiten Siebenpfeiffers ein hohes Gut darstellte, „für man sein Leben einsetzte“. Aber auch noch heute sei die Pressefreiheit bedroht, Freiheit sei immer bedroht. Zur aktuellen Politik erklärte der Preisträger aus dem Jahr 2001, es sei eine Generation an die Regierung gekommen, die als erste Politikergeneration die Nachkriegszeit hinter sich gelassen habe. Und: „Im Gegensatz zur Regierung Schröder-Fischer, die ja immer das grelle Licht der Medien gesucht habe, sind die Windmaschinen nun erst einmal abgeschaltet“.

Musikalisch umrahmt wurde das Festbankett von der Combo der Homburger Uni-Big-Band unter Leitung von Prof. Rudolf Bock.

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St. Ingberter Anzeiger ·
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