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Kinowerkstatt – Programm vom 21. – 24. November

Werner Herzog gelingt mit Grizzly Man ein fulminantes Comeback des ihm eigenen Irrwitzes und zugleich das Porträt eines Grenzgängers, der mit wilden Bären lebte, als wären es Teddys, bis sie ihn schließlich umbrachten. Dreizehn Jahre lang lebte Timothy Treadwell jeden Sommer mit Grizzlybären in der Wildnis Alaskas. Aus Prinzip trug er keine Waffen bei sich. Nie würde er einen Bären töten, nicht einmal zur Selbstverteidigung – so sein Statement. Im dreizehnten Sommer, 2003, wurden er und seine Freundin Amie Huguenard, die ihn zeitweise begleitete, von einem Bären gerissen. Zurück blieben wenige verstreute Körperteile, Timothys Uhr und 100 Stunden Originalvideomaterial aus fünf Jahren.
Die Kamera war Timothys einzige ständige Begleiterin. Ihr zeigte er die Bären, ihr offenbarte er seine Sichtweisen, Wünsche, Überzeugungen und Ängste. Werner Herzog integriert weite Passagen von Treadwells Material und ergänzt es mit Aufnahmen der Originalschauplätze. Zudem befragt er die Personen, mit denen der „Bärenversteher“ Kontakt hatte: den Piloten, der ihn regelmäßig in den Katmai Nationalpark einflog, den Park Service, Tierschützer und Bärenforscher, die Eltern und Freunde, und zeichnet so ein tiefgründiges Psychogramm des „Grizzly Man“.
In Timothy Treadwell scheint Herzog ein reales Pendant zu seinen früheren Filmfiguren gefunden zu haben, das ihm den langjährigen Hauptdarsteller Klaus Kinski beinahe ebenbürtig ersetzt. Der Bärenfreund ähnelt Kinski nicht nur rein äußerlich mit seinen ins Gesicht fallenden blonden Haarfransen, die jeder seiner Gebärden wild baumelnd Nachdruck verleihen. Treadwell verkörpert auch jenes Grenzgängertum zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Vision und Wahnsinn, das Herzog schon in Aguirre oder der Zorn Gottes (1971) oder Fitzcarraldo (1981) thematisierte. In letzterem spielt Kinski einen Ir(r)en, der ein Schiff über einen Berg tragen lässt, um sein einmal gestecktes Ziel zu erreichen: im peruanischen Urwald ein Opernhaus zu bauen. Fast scheint es, als habe Herzog erst die Aufnahmen Treadwells entdecken müssen, um nach Kinskis Tod 1991 und dessen Wiederbelebung aus der Konserve in der Hommage Mein liebster Feind (1999) überhaupt wieder einen „echten“ Herzog-Film alter Stärke schaffen zu können.
Treadwell ist einer von Herzogs Helden, er wird dazu in diesem Film. Er ist ein Mann mit einer Vision, er will sein Leben einsetzen, um seine Freunde, die Grizzlybären, zu schützen und einer der ihren zu werden. Der Gefahr dabei war sich Treadwell durchaus bewusst, vielleicht machte gerade sie den Reiz für ihn aus.
Werner Herzog hat mit den Aufnahmen des „Grizzly Man“ ein grandioses Material gefunden, das er auf einfühlsame und faszinierende Weise aufarbeitet. Der Film bietet atemberaubende Naturaufnahmen und lässt in der Auswahl der Videosequenzen und Kommentare aus dem Off den nur Herzog eigenen Irrwitz aufblitzen, den wir so lange vermisst haben: ein großer Film, der erstaunlicherweise trotz zahlreicher Kritikerpreise in Übersee im Heimatland seines Regisseurs bisher keinen Verleih gefunden hat und nur auf DVD erschienen ist.

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