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Architekten und Ingenieure sind Hebammen in Gummistiefeln

Wie geltende Haftungsregelungen Architektur zum Risikogeschäft machen, erläuterte Gastreferent Prof. Stefan Leupertz beim Neujahrsempfang der Architektenkammer des Saarlandes.
Ist Architekt wirklich ein „Traumberuf“, wie viele Studienanfänger glauben? Oder wird aus dem Traum in der Praxis schnell ein Albtraum? „Architektur als Risikogeschäft“ lautete das Thema des Festvortrags beim Neujahrsempfang der Architektenkammer des Saarlandes (AKS), zu dem am 19. Januar rund 150 Gäste nach Saarbrücken kamen.

Wer von Referent Prof. Stefan Leupertz, Richter am Bundesgerichtshof a. D., trockene Aus-führungen in paragraphengeschwängertem Juristendeutsch erwartet hatte, wurde durch einen unterhaltsamen Redestil angenehm überrascht.
„Salopp gesagt: Architekten und Ingenieure sind Hebammen in Gummistiefeln“, stieg Leupertz ins Thema ein. Den Beruf der Hebamme gebe es fast nicht mehr, weil die Haftungsrisiken immens und die Versicherungsprämien ins Unbezahlbare gestiegen seien. „Wir müssen verhindern, dass das bei den Architekten und Ingenieuren auch so kommt!“ Denn auch bei ihnen sei das Haftungsrisiko sehr hoch, da sie auf der Grundlage von Werkverträgen arbeiten, bei denen der „Maßstab Erfolg“ gelte. „Das Werkvertragsrecht ist im Bürgerlichen Gesetzbuch völlig ungenügend geregelt“, kritisiert Leupertz.

Er weiß, wovon er spricht. Am Bundesgerichtshof war Stefan Leupertz in dem für das Werk- und Bauvertragsrecht zuständigen VII. Zivilsenat tätig. Ende 2012 gab er dieses Amt auf, um sich als Schlichter, Schiedsrichter und Inhaber der Firma „Leupertz Baukonfliktmanagement“ außergerichtlich mit Verfahren zur Streitvermeidung und -lösung zu befassen. Den Kammern empfahl Leupertz unter anderem, sich dafür einzusetzen, dass Architekten die Möglichkeit erhalten, bei Beanstandungen eine Nacherfüllung zu erbringen, anstatt gleich Schadensersatz leisten zu müssen.

Prof. Heiko Lukas, Präsident der Architektenkammer des Saarlandes (Titelbild), bestätigte, dass „die Haftungsproblematik nicht nur den Mitgliedern unserer Kammer, sondern den Architekten bundesweit unter den Nägeln brennt“. Daher stehe das Thema ganz oben auf der politischen Agenda der Bundesarchitektenkammer, die eine Gesetzesnovelle noch in der laufenden Legislaturperiode durchsetzen wolle. „Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir die Unterstützung der Landespolitik“, so der Appell von Heiko Lukas.

Missstände im Vergabewesen gefährden regionale Planungskompetenz
Kritik übte der AKS-Präsident an überzogenen Anforderungen bei öffentlichen Aus-schreibungen von Bauvorhaben. Durch „Missstände im Vergabewesen“ stehe „sowohl der Pluralismus architektonischer Lösungsmöglichkeiten als auch der Fortbestand regionaler Planungskompetenz“ auf dem Spiel. „In den letzten Monaten haben wir ein Strategiepapier zu angemessenen Vergabeverfahren erstellt. Ebenso haben wir die Vergabeverfahren der letzten drei Jahre dokumentiert. Auf dieser Grundlage werden wir Vertretern der Landespolitik unsere Positionen nun erneut darlegen“, kündigte Lukas an.

Bereitschaft zu konstruktiven Gesprächen über das Thema Vergabeverfahren signalisierte Staatssekretär Dr. Axel Spies, der stellvertretend für Finanzminister Stephan Toscani das Grußwort sprach. Trotz Sparzwängen investierten Bund, Land und Kommunen in Bauprojekte, dabei komme den öffentlichen Bauherren eine „Vorbildfunktion“ zu. Dies habe auch der Bauherrenpreis der AKS gezeigt, bei dem 2014 mehr als die Hälfte der prämierten Projekte aus dem öffentlichen Bereich kamen.

Positiv bewerteten sowohl AKS-Präsident Lukas als auch Staatssekretär Spies den deutsch-französischen Workshop, bei dem 2014 rund 60 Architekten, Stadtplaner, Denkmalpfleger, Journalisten, Künstler und Wissenschaftler neue Nutzungsoptionen für das zurzeit leerstehende ehemalige Kultusministerium entwickelten. Neben der Stiftung Baukultur Saar waren weitere Verbände und die Schule für Architektur Saar (htwsaar) unter Federführung des Werkbundes beteiligt. Nun komme die Landesregierung der Forderung des Rechnungshofes nach, die Bausubstanz zu untersuchen, berichtete Spies. „Daher sind wir jetzt in einer absolut ergebnisoffenen Phase.“ Den Austausch zwischen Verwaltung und Fachleuten bezeichnete er angesichts der Bedeutung des erhaltenswerten Gebäudes als „gutes Beispiel für gelebte Bürgergesellschaft“. Die Zukunftsvision der Workshop-Teilnehmer ist es, das Gebäude zu einem europäischen „Flaggschiff“ zu machen, das unter der Fahne „Pingussons“ (benannt nach dem Architekten Georges-Henri Pingusson) vor Anker liegen soll.

 

PM: Rainer Christ / Cornelia Noll
Architektenkammer des Saarlandes

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