Nachrichten

Mittwoch, 12. Dezember 2018 · wolkig  wolkig bei 1 ℃ · Daphne Schmelzer liest in der StadtbüchereiFahrzeug löst Notruf nach Unfall ausStark wie eine Anaconda, schnell wie ein Wiesel

Facebook Twitter Google+ Instagram RSS Feed

Eine unglaubliche Geschichte – die Teilungen Polens

Interessierte Besucher des Vortrags tauchten in ein Stück der europäischen Geschichte ein.

In Zeiten der Europäisierung ist es unvorstellbar, was im 18. Jahrhundert geschah. Eines der ältesten und größten europäischen Länder wurde wie ein Kuchen zwischen seinen drei Nachbarn aufgeteilt. Dieser Akt führte zu einem nationalen Trauma der Polen, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind.

Die Resonanz auf den angekündigten Vortrag „Polen und seine Teilungen“ von Dr. Violetta Frys, der Partnerschaftsbeauftragten des Saarpfalz-Kreises, war wie erwartet beachtlich. Alle vorbereiteten Plätze und alle Reservestühle im Großen Sitzungssaal im Homburger Forum waren besetzt.

Dieser großartige Zuspruch für den Vortrag von Dr. Frys bestätigte, dass die Idee des saarpfälzischen Landrates und Vorsitzenden der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Saar, Dr. Theophil Gallo, genau richtig war, diese Veranstaltung zum 100. Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens und als Zeichen der Verbundenheit mit dem polnischen Partnerkreis Przemysl anzubieten. Schließlich gibt es auch im Saarpfalz-Kreis viele Interessierte, auch Mitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Saar, die die unfassbare Geschichte kennenlernen wollten. Alle waren interessiert, wie es dazu kam, dass der ehemals größte Staat Europas innerhalb von zwei Jahrzehnten aufhörte zu existieren und für 123 Jahre von der Landkarte verschwand.

Eine Adelsrepublik mit Religionsfreiheit und der ersten Verfassung Europas konnte nicht im Sinne der Nachbarn sein. Das im 17. Jh. eingeführte Vetorecht (Liberum Veto) im Parlament (polnischer Sejm), wodurch ein einzelner Mann die Durchführung jedes Gesetzentwurfs verhindern konnte, führte zur politischen Krise, die schließlich das Land sehr geschwächt hat. Nach der ersten (1772) und kurz vor der zweiten (1793) Teilung Polens leitete das Land ein radikales Reformprogramm in die Wege und gab sich am 3. Mai 1791 die erste Verfassung Europas und gleichzeitig die zweitmodernste nach den Vereinigten Staaten. Die Verfassung sprach von der Volkssouveränität und hat einen Rat mit 18 Senatoren und 18 Landboten einberufen, welche Kommissionen für Äußeres, Inneres, Heerwesen, Rechtswesen und Finanzen bildeten. Ferner wurden eine selbständige Erziehungskommission und das erste Kulturministerium Europas geschaffen. Ein Regierungskabinett musste fortan dem Parlament Bericht erstatten. All diese Maßnahmen waren jedoch nicht mehr geeignet, den von den Nachbarmächten geplanten Untergang des Landes aufzuhalten. Durch die zwei vorhergehenden Teilungen geschwächt, hörte das Königreich Polen 1795 auf zu existieren, als Russland, Österreich und Preußen in der dritten und letzten Teilung den Rest des polnischen Territoriums unter sich aufteilten und zwei Jahre später den Namen des Landes abschafften.

Über das Schicksal der Menschen unter den drei Besatzungsmächten wurde ebenso referiert, das das Publikum gleichermaßen berührte. Die jeweiligen Besatzungsmächte versuchten nämlich, die „neuerworbenen Gebiete“ (so die offizielle Bezeichnung) in ihre Länder einzugliedern, was mit einem gewissen Maß an Unterdrückung verbunden war, wobei es den Polen unter den Habsburgern am besten und unter den Zaren am schlechtesten ging. Als Staat war Polen nicht mehr vorhanden, doch in den Herzen und Köpfen der Menschen lebte es weiter. Sprache, Kultur und Religion bildeten die Brücke zwischen der großen Vergangenheit der Adelsrepublik und einer ungewissen Zukunft.

Die ablehnende Reaktion der übrigen europäischen Öffentlichkeit auf die Teilungen, die damals als gravierendes Unrecht bezeichnet wurden, war eine weitere Darlegung zu diesem Thema, um mit der Frage, ob dieses Kapitel der Geschichte Polens als Dauertrauma bis heute nachwirkt, abzuschließen. Dr. Frys erläuterte den Versammelten, dass die heutige sensible Empfindung von Berührungen der nationalen Souveränität und Integrität die Folge des einstigen Verlustes der Heimat ist, die bei den Menschen in Polen noch immer stark nachwirkt. Die Fremdherrschaft über vier Generationen hinweg hinterließ tief greifende Spuren. Mit der Feststellung, dass der europäische Zusammenhalt heute ein Gewinn für alle Beteiligten ist und die Ereignisse der Geschichte überwinden lässt, schloss die Referentin unter Beifall des Publikums ab.

Informationen zu der Kreispartnerschaft mit dem polnischen Landkreis Przemysl und dem ukrainischen Rayon Pustomyty: Dr. Violetta Frys, E-Mail: violetta.frys@saarpfalz-kreis.de oder Tel. (06841) 104-8273.

 

Pressestelle SPK

Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar schreiben

Bitte lesen Sie sich die Netiquette für unseren Kommentarbereich durch, bevor Sie einen Beitrag verfassen. Vielen Dank!

St. Ingberter Anzeiger ·
1865–2018