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Ergebnisse zu „Reality TV zwischen Fakten, Fiktion und Wirklichkeit“

Auf Anregung des Medienrats der LMS diskutierten Experten, Gremienmitglieder und die Fachöffentlichkeit am 12. September 2012 aktuelle Ergebnisse der Fernsehprogrammforschung und der Medienwirkungsforschung. Thema: „Verdachtsfälle“, „Betrugsfälle“ oder „Mitten im Leben“? Reality-TV zwischen Fakten, Fiktion und Wirklichkeit.

Die stellvertretende Vorsitzende des Medienrats, Frau Ikbal Berber, betonte zu Beginn des Fachdialogs das besondere Interesse des Gremiums an diesem Thema: So habe in den letzten Monaten eine breite öffentliche Diskussion zu Formaten des Scripted Reality im privaten Fernsehen stattgefunden, es seien aber auch zahlreiche Zuschauerkritiken und Beschwerden über das durch die LMS betreute Portal www.programmbeschwerde.de eingegangen. Insbesondere richtete sich die Kritik auf pseudo-dokumentarische Formate, die nach Ansicht des Publikums die Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit verfälschten. Moniert würden aber auch einseitige oder als diskriminierend empfundene Darstellungen bestimmter ethnischer oder sozialer Gruppen. Daneben führten auch herabwürdigende Präsentationen einzelner Personen oder Personengruppen zu Beschwerden. In begründeten Fällen würden dann durch die zuständigen Medienanstalten Prüfverfahren der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) und der Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten eingeleitet.

Die Aufsicht sei also gut beraten, sich einen Überblick über die Kategorien und Formate der Realitätsunterhaltung im Fernsehen zu verschaffen und sich mögliche Wirkungsrisiken zu vergegenwärtigen. Dabei sei unter anderem zu fragen, wie einige der pseudorealistischen Darstellungen insbesondere von familiärem Zusammenleben auf Kinder und Jugendliche wirkten, welche Urteilsfähigkeit des jungen und erwachsenen Publikums bei der Einschätzung des Realitätsgehalts der Sendungen bestehe und wie sich dieses Programmangebot auf die Wahrnehmung der realen Lebenswelt auswirken könne.

Auch die Bedeutung der Programmgrundsätze des Rundfunkstaatsvertrags und der journalistischen Sorgfaltspflichten sei angesichts von Doku-Soaps und Pseudojournalismus zu erörtern. „Denn schließlich darf man bei aller Diskussion über Unterhaltungsformate nicht vergessen, welche gesellschaftliche Aufgabe auch der private Rundfunk als ‚Medium und Faktor der öffentlichen Meinungsbildung‘ zu erfüllen hat“, so Berber.

Aktuelle Daten der Fernsehprogrammforschung aus dem Frühjahr 2012 präsentierte Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß, wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der Göfak Medienforschung GmbH in Potsdam. Als langjähriger Experte für Programmentwicklungen konstatierte er auch für 2012 eine weitere Zunahme dieses Programmsegments: „Gemessen an der Zahl der Reality-TV-Formate und der Sendezeit, die diesen Formaten insbesondere in den privaten Fernsehvollprogrammen eingeräumt werden, hat der Stellenwert der Realitätsunterhaltung im deutschen Fernsehen im Vergleich zum Frühjahr 2011 noch weiter zugenommen: In der Stichprobenwoche im Frühjahr 2012 wurden in den sechs privaten Vollprogrammen insgesamt 63 Reality-TV-Formate identifiziert – zehn mehr als im Vorjahr. Dazu kommen drei Formate im öffentlich-rechtlichen

Gemessen an der wöchentlichen Sendezeit hätten RTL und ProSieben ihr Angebot an Reality-TV-Formaten im Vergleich zum Frühjahr 2011 etwas zurückgenommen, alle anderen privaten Vollprogramme weiteten es aus – am stärksten RTL II (um mehr als 30 Stunden) und VOX (um mehr als 22 Stunden). Damit stehe fest, dass die aktuellen Programmprofile der drei Vollprogramme der RTL Group und auch des Marktführers der ProSiebenSat.1 Media AG, Sat.1, massiv von Reality-TV-Formaten geprägt seien. VOX vermittele sogar mittlerweile das Bild eines „Reality-TV-Spartensenders“.

Prof. Dr. Frank Schwab, Lehrstuhl Medienpsychologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und Vorstand des Instituts für Mensch-Computer-Medien, erläuterte, wie sich dieses Programmangebot auf die Wahrnehmung der realen Lebenswelt durch das Fernsehpublikum auswirken kann.

Noch sei die Forschungslage zu Wirkungen von Scripted Reality dürftig. Gleichzeitig sei aber das allgemeinere Problem der Wirkung von Realitätsdarstellungen in den Medien durchaus etabliert. Aus Sicht der Medienpsychologie ging Schwab besonders ein auf mögliche Wirkaspekte hinsichtlich der durch die Zuschauer dem Programmgeschehen zugeschriebenen Realität (Perceived Reality). Er erläuterte die Wirkung der Medien als Sozialisationsinstanz (Kultivierungsansatz) und verwies auf das Phänomen, dass die Zuschauer von Doku-Soaps bestrebt sind, sich von den dargestellten Medienfiguren positiv oder negativ abzugrenzen (Parasozialer Vergleich). Die Forschungslage lasse außerdem den Schluss zu, dass die emotionalen Wirkungen von Medieninhalten stärker ausfallen, wenn das Gesehene als ‚real‘ angesehen wird. Bei der Beurteilung solcher Wirkaspekte durch das Publikum selbst sei eine Tendenz festzustellen, wonach jeweils andere Personen oder Personengruppen für beeinflussbarer durch Medien gehalten werden als man selbst (Third Person Effekt).

In einem anschließenden Podiumsgespräch wurden mögliche Folgerungen für die Medienaufsicht erörtert. Der Direktor der LMS, Dr. Gerd Bauer, bewertete den ungebrochenen Anstieg von Pseudojournalismus und sog. Reality-Formaten als bedenkliche Entwicklung, vor allem hinsichtlich der gesellschaftlichen Aufgabe des privaten Fernsehens. Es sei nicht damit getan, eine Diskussion über die Kennzeichnung solcher Sendeformate zu führen, in der Annahme, deren Wirkung sei damit zu relativieren. Ein hoher Grad an Inszenierung, dramaturgischer Gestaltung, Ergänzungen durch Spielszenen etc. seien von jeher auch in Dokumentarfilmen üblich. Neben Abgrenzungsproblemen sehe er eine Kennzeichnung von Scripted Reality auch deshalb skeptisch, weil sie dahingehend missverstanden werden könnte, dass sich die Veranstalter und Produzenten zum Teil von ihrer Verantwortung für den Kinder- und Jugendschutz und die Einhaltung der Programmgrundsätze entbunden fühlten. Eine Kennzeichnung als distanzierendes Element reiche nicht aus, mögliche Beeinträchtigungen zu vermeiden. Auch die Kennzeichnung von Werbung diene schließlich nicht deren Wirkungslosigkeit.

„Ich sehe die Ergebnisse der jüngsten Programmforschung als Ansporn, weiterhin und immer wieder an die Kernaufgaben des privaten Rundfunks in einer positiven Rundfunkordnung zu erinnern. Diese besteht nicht in einer Aufweichung oder Hybridisierung des Informationsbegriffs, sondern unter anderem in der Verpflichtung, zu einer freien öffentlichen Meinungsbildung beizutragen“, so Bauer in seinem Schlusswort.

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