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Gedenken an die am 22. Oktober 1940 gewaltsam nach Gurs deportierten St. Ingberter Juden

Das St. Ingberter Bündnis für Weltoffenheit, Vielfalt und Toleranz erinnerte am Freitag, den 22. Oktober 2021 in einer Gedenkveranstaltung an das große Leid, das den deutschen St. Ingberter Juden Fritz und Elisabeth Beer und den Geschwistern Anna und Hertha Kahn 

durch die gewaltsame Deportation am 22. Oktober 1940, zusammen mit 134 saarländischen , 825 pfälzischen und 5.600 badischen Jüdinnen und Juden, in das Internierungslager Gurs zugefügt wurde. Verantwortlich für die Verschleppung aus dem Saarland und der Pfalz war der nationalistische Gauleiter, Josef Bürkel und für Baden der Gauleiter, Robert Wagner..

Zu der Gedenkveranstaltung konnte die Sprecherin des St. Ingberter Bündnisses, Roselie Stief, u.a. den Beigeordneten der Stadt, Albrecht Hauck, begrüßen. Nachdem Roselie Stief die Gedenkrede (siehe unten) an den Stolpersteinen für Fritz und Elisabeth Beer vor dem Haus 129 in der Kaiserstr. vorgetragen hatte, wurden 2 weiße Rosen niedergelegt und ein weißes Kerzenlicht aufgestellt. Anschließend ebenso bei den Stolpersteinen für Anna und Hertha Kahn an der Stelle des nicht mehr existierenden Hauses 108 in der Kaiserstraße.

Zugleich brachten die Gedenkenden zum Ausdruck, dass das unermessliche Leid der 1940 von den Nationalsozialisten nach Gurs deportierten deutschen Juden eine Mahnung an die heutigen und zukünftigen Generationen ist, solche unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie mehr in Deutschland entstehen, noch zuzulassen.

Die Sicherheitseinrichtungen unseres demokratischen Staates, die Regierung, die Parlamente, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, das Bildungssystem, ja die gesamte Zivilgesellschaft ist aufgerufen, gegen den anwachsenden und schon wieder verbreiteten Antisemitismus / Rassismus, Rechtsradikalismus, Rechtsextremismus zu kämpfen und unsere Demokratie zu schützen. Das, so die Anwesenden, seien wir alle den Opfern des Nationalsozialismus, unseren Kindern und Kindeskindern schuldig.

Rede zum Gedenken am 22.Oktober 2021 anlässlich der Deportationen von deutschen Jüdinnen und Juden aus dem Saarland , der Pfalz und Baden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich am 22.Oktober 1940

Liebe Anwesende,
heute gedenken wir des unvorstellbaren Leids, das durch die grausame Deportation der Nationalsozialisten in das Internierungslager GURS, am 22. Oktober 1940 Elisabeth Beer ,geb.1900 , ihren Ehemann Fritz Beer, geb. 1887, und den Töchtern von Siegfried und Erna Kahn , Anna ,geb.1921, und Hertha,geb.1923., aus St.Ingbert zugefügt wurde. Wir gedenken an den kleinen Mahnmalen, den Stolpersteinen, die die heutigen und zukünftigen Generationen an diese Verbrechen an die Verschleppten erinnern – vor den Häusern, in denen sie zuletzt 1940 gelebt hatten.

Zugleich gedenken wir damit den 134 deportierten Saarländern und insgesamt 6500 Deportierten aus der Saar, Pfalz und Baden.

Am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 begann die von dem Gauleiter des Saarlandes und der Pfalz, Josef Bürkel, und dem Gauleiter für Baden, Robert Wagner, angeordnete menschenverachtende Verschleppung. Die jüdische Bevölkerung wurde am frühen Morgen aufgefordert, sich innerhalb kurzer Zeit reisefertig zu machen und mit den Befehlen zur Deportation aus ihren Wohnungen und Häusern getrieben. Die 134 saarländischen Jüdinnen und Juden, vom Kind bis zum Greis, wurden in Omnibussen nach Forbach gebracht und dort mussten sie in die beiden Züge in denen sich 825 Jüdinnen und Juden aus der Pfalz befanden, zusteigen.
Die Erwachsenen durften bis 50 kg und die Kinder 30 kg, eine Wolldecke, Verpflegung für mehrere Tage, Ess – und Trinkgeschirr, bis zu 100 Reichsmark sowie Ausweispapiere mitnehmen.

Von Forbach aus ging die Zugfahrt weiter über Metz, Nancy, Dijon, Lyon, Narbonne, Carcassonne, Toulouse, Pau nach Oloron–Sainte-Marie am Rande der Pyrenäen, wo sie am 25.Oktober 1940 geschwächt und verzweifelt ankamen. Von dort wurden sie mit Lastwagen in das 13 km entfernte Internierungslager Gurs gebracht, da Gurs keinen Bahnanschluss hatte. Einige Verschleppte waren schon auf der Reise verstorben.

(Die Transporte hatte Adolf Eichmann in Absprache mit dem Reichsverkehrsministerium organisiert und überwacht). Das Lager Gurs im unbesetzten Vichy – Südfrankreich war auf die neuen Deportierten nicht vorbereitet. Die Nazis hatten das Lager nicht informiert und die Regierung vom unbesetzten Südfrankreich unter dem Marschall Petain hat es geschehen lassen. Die Vichy Regierung unter diesem Marschall war selber nationalistisch und judenfeindlich eingestellt und kollaborierte mit der Deutschen Besatzung in Paris.

Welchem Entsetzen, welcher Verzweiflung Elisabeth und Fritz Beer sowie die beiden Töchter von Siegfried und Erna Kahn, Anna und Hertha sowie alle 6500 Deportierte bei ihrer unangekündigten Verhaftung, dem langen Zugtransport und der Internierung im Lager Gurs ausgesetzt waren, ist für uns kaum nachzuempfinden.Leider konnten wir von den aus St.Ingbert Verschleppten keine Briefe finden, aus denen wir über ihr Leid hätten erfahren können. Dafür lassen wir in dieser Rede stellvertretend ZEITZEUGEN sprechen, die das Leid und Elend in Briefen und Berichten beschrieben haben.

Was wir wissen ist, dass Elisabeth und Fritz Beer 1942 nach Auschwitz deportiert wurden, Fritz Beer diese Fahrt nicht überlebte und am 12. August 1942 im Zug verstarb. Seine Ehefrau Elisabeth wurde am 19.September 1942 in Auschwitz ermordet. Ihre 3 Kinder Hans, Georg und Steffi konnten schon 1939 in die USA emigrieren.

Den beiden Töchtern von Siegfried und Erna Kahn, Anne und Hertha, gelang mit Hilfe ihrer Mutter 1942 die Flucht aus dem Lager Gurs nach Marokko und anschließend zum Vater in die USA. Der Vater konnte schon 1937 in die USA flüchten.

Nun die oben schon angekündigten Zeitzeugen aus der Rede vor dem Saarl. Landtag am 27.1.2020 vom Historiker und Leiter der Arbeitsstelle für Jüdisches Leben im Bezirksverband Pfalz, Roland Paul, der auch in Pau bei Gurs in den Archiven und anderswo geforscht hat.

ERNA BERL, die aus St.Wendel deportiert wurde, schrieb am 6.November 1940 an ihren Sohn Fritz: „ Es ist ein großes Unglück über uns gekommen, hoffentlich ertrage ich es. Wir liegen auf Stroh mit den Kleidern. Musste meine Heimat verlassen , morgens um 7 Uhr bin ich abgeholt worden. Frl. Bruch und Franz Reuter haben mich angezogen und statt Kleider Bettwäsche eingepackt. Wenn ihr könnt, dann schickt mir Lebensmittel und Geld.
Ich habe alles zurücklassen müssen mit allen meinen schönen Sachen, die ich so in Ehren hielt….. jetzt stehe ich vor dem Nichts. Ob ich es ertrage mit meinen Kräften…. Ein namenloses Elend…. meine Nerven versagen, wenn der Abend kommt“

LIESEL SALMON aus Homburg schrieb im Juli 1987 aus New York an eine Freundin in St.Ingbert u.a.: “Deinen Wunsch unsere Deportation zu beschreiben konnte ich nicht ausführen, da es meine Nerven nicht verkraften konnten. Es war zu schrecklich was wir durchmachen mussten, mit 2 Kindern in so großem Elend. Vertrieben von Haus und Existenz und allem was uns lieb und teuer war, in den furchtbarsten Verhältnissen des Lagers Gurs in Südfrankreich zu landen. Kälte , Hunger, erbärmliche Holzbaracken, Schmutz und kein Wasser.Ich tröstete andere Leute, alte Menschen und sagte, die Welt wird erfahren, wo wir sind und wird Hilfe schaffen. Wir wussten, dass wir in ein Vernichtungslager verschoben werden. Wie viel kann eine Mutter mit 2 Kindern verkraften? Was nützt es jetzt noch darüber zu schreiben. Es wäre nötig eine bessere Welt zu schaffen, einen zweiten Holocaust zu verbieten und jede Religion zu respektieren.
Heute will ich Dir, liebe Freundin, nicht zuviel vorheulen, ich verlasse mich auf den Anstand der gebildeten Jugend von heute, mitzuhelfen, eine bessere Welt zu bauen. Wolle der gute Gott, es möge gelingen“

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Kommentare

  1. Angelika Kußler

    Eine würdige Veranstaltung, die an das große Leid erinnerte, das unsere jüdischen Mitbürger*innen erleiden mussten.
    Gerade heute, da Rassismus, Fremdenhass und wieder aufkeimender Antisemitismus leider alltäglich zu werden drohen, müssen wir an vergangene Greueltaten erinnern um zukünftige zu verhindern. Wir dürfen nicht mehr schweigen!

  2. Ameen Al Hosen

    Das ist traurig

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