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Montag, 6. Februar 2023 · wolkig  wolkig bei 4 ℃ · Lichtmessmarkt in der Innenstadt Lese-Soirée in Kulturhaus 2 x 11 Jahre Konrad Weisgerber

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Jahresabschluss: Rückschau auf ein erfolgreiches buntes Lesungsjahr

Hoch zufrieden zeigt man sich beim St. Ingberter Literaturforum (ILF) bei der Rückschau auf das zu Ende gegangene Lesungsjahr 2022. Zu 10 Lesungen waren rund 700 Literaturinteressierte gekommen, um ein vielgestaltiges Angebot von Autorenbegegnungen

und Buchvorstellungen zu erleben. Den Auftakt bildete der Publizist Marko Martin, der in seinem literarischen Tagebuch über „Die letzten Tage von Hongkong“ sowohl über die Anfänge der Coronapandemie als auch über die Bedrohung der Freiheit durch autoritäre Systeme berichtete. Eine zweite Veranstaltung in der Reihe „Jazz und Poesie“ in Kooperation mit der Konrad Adenauer Stiftung würdigte den Berliner Autor Bernd Wagner, der  mit „Verlassene Werke“ ein  bewegendes deutsches Nachkriegspanorama und Zeitdokument präsentierte.

Ein Brückenschlag über die Grenze zu unseren französischen Nachbarn gelang gleich dreimal. Im Rahmen des Literaturfestivals „erLESEN!“  entführte die Hamburger Autorin Antje Sievers mit ihrem  hervorragend recherchierten Roman „Die Judenmadonna“  ihr Auditorium in die Welt der jüdischen Kultur im Elsass und fesselte es mit der Darstellung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte. Leichtere Kost, äußerst unterhaltsam dargeboten, offerierte der Bestsellerautor Benjamin Cors, der in die Welt seiner überaus erfolgreichen Normandiekrimis einführte. Frankreich war zu dritten Male Thema, als der in St. Ingbert lebende Politikwissenschaftler Adolf Kimmel die erste deutschsprachige Biografie über Francois Mitterand vorstellte, worin er in klaren Konturen das Porträt eines ebenso undurchschaubaren wie wandlungsfähigen Politikers mit entschiedenem Willen zur Macht zeichnet.

In Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung Saarpfalz (KEB) wurden zwei Veranstaltungen mit dem Theologen Stefan Schwarzmüller und dem Germanisten Thomas Kuhn durchgeführt. Mit den Veranstaltungen „Lessing und das Drama der Toleranz“  und „Autorinnen der Weimarer Republik“  wurden spannende Kapitel der deutschen Literaturgeschichte aufgeblättert, und die beiden  Künstlerfreunde boten einem ebenso ergriffenen wie begeisterten Publikum durch das Zusammenwirken von gekonnter Rezitation und szenischem Spiel ein  Literaturerlebnis der besonderen Art. Ein Höhepunkt war sicher auch der Auftritt der Münchner Autorin Dagmar Leupold.  Sie stellte ihren nicht nur die Kritik begeisternden  Titel „Dagegen die Elefanten!“ vor, eine mit feinfühlig entwickelter Psychologie der Figuren subtil gestaltete Studie über einen Außenseiter.

Die meisten Besucher zogen erwartungsgemäß zwei unseren Mundarten gewidmete Abende an. Dies galt für „Dengmerd un sei Sprooch“  mit heimischen Autoren und Sprechern in der Stadtbücherei ebenso  wie für den großen Saarlandabend im Rahmen des St. Ingberter Kultursommers, der dank der Zusammenarbeit des Mundartrings Saar auf dem Hof der Ludwigschule  stattfinden konnte und 120 Besuchern eine bunte Fülle von Darbietungen aus den unterschiedlichen Dialektgebieten unserer saarländischen Heimat bot.

Nach einer Winterpause sollen auch im neuen Jahr  den interessierten Bürgern weitere Autorenbegegnungen und Buchpräsentationen angeboten werden, und das ganz im Sinne Fred Oberhausers, der das ILF im Herbst 1981 aus der Taufe hob. Diese Lesungen lockern den Bibliotheksalltag auf und verleihen der Stadtbücherei das Profil einer lebendigen Kultureinrichtung. Gerade auswärtige Gäste rühmen sie  oft als facettenreichen kulturellen Treffpunkt, so ILF-Sprecher Jürgen Bost.

Das St. Ingberter Literaturform (ILF)
von Gabriele Oberhauser, Quelle: https://www.literaturland-saar.de/service/literarische-vereinigungen/

Anfang 1981 beabsichtigte Oberbürgermeister Werner Hellenthal als Pendant zum Albert-Weisgerber-Kunstpreis auch einen St. Ingberter Literaturpreis zu verleihen. Der St. Ingberter Kulturjournalist Fred Oberhauser entgegnete: „Lieber zwei Jahre lang Literatur für alle, als alle zwei Jahre einen Literaturpreis für einen.“ Der OB lenkte ein. So bekamen denn die St. Ingberter ein Literaturforum, ihr ILS. Ermöglicht nicht zuletzt durch das Engagement interessierter Bürger, einem Arbeitskreis, dem schon damals der Leiter der VHS Albrecht Ochs, der Literaturwissenschaftler Prof. Gerhard Sauder und der Künstler Dieter Trost angehörten; ihm verdankt das ILF die Einladungsplakate zu den Gastvorlesungen. Vorgesehen waren zwei „2 Großdichter, 6 aus der Region“. Mit im Boot: Kulturamt und Stadtbücherei.

Am 6. Oktober 1981 war es dann so weit: Im großen Saal der Stadthalle wurde das ILF mit einer Lesung von Ludwig Harig vor rund dreihundert Zuhörern festlich eröffnet. „Nach fast einstimmiger Meinung großer Erfolg …“ (Fred Oberhauser).

Dreimal wechselten die Vorsitzenden. Auf Fred Oberhauser folgte 1984 Sibylle Knauss, nach ihr kam 1988 Gerhard Sauder, 2015 übernahm Jürgen Bost das Ehrenamt. Jeder von ihnen hat das Literaturforum auf eigene Weise geprägt.

Als Literaturredakteur des SR war es Fred Oberhauser möglich, prominente Autoren zu einer Lesung ins ILF einzuladen. Das Programm reichte vom „Dengmerder Dichterwettstreit“ im Rahmen des Altstadtfestes bis zum Auftritt von Günter Grass in der Stadthalle mit über fünfhundert Besuchern. Bescheidenere Autorenlesungen richtete man in der Stadtbücherei aus, die damals noch im Rathaus untergebracht war. Sofern man nicht die Karl-Uhl-Stube im „Lämpchen“, die sechste von vierzig saarländischen „Heimatstuben“, bevorzugte. Dort hatte der Arbeitskreis seinen Stammtisch, das ILF sein „kleines Forum“.

„Bühne frei für Sibylle Knauss“: In der sechsten Woche nach Eröffnung des ILF, am 13. November 1981, stellt Sibylle Knauss in der Stadthalle rund 200 Zuhörern ihr erstes Buch vor: „Ach Elise oder Lieben ist ein einsames Geschäft“. Drei Jahre später wählt der Arbeitskreis Sibylle Knauss zur Vorsitzenden. Sie unterrichtet am St. Ingberter Leibniz-Gymnasium Deutsch und Religion und hat (nach dem Erfolg von „Elise“) das Schreiben zu ihrem Hauptberuf gemacht. Ihr dritter und vierter Roman, „Erlkönigs Töchter“ und „Charlotte Corday“, erschienen in ihren ILF-Jahren (bis 1988). Schon damals war Sibylle Knauss darauf bedacht, dass es zwischen Autor(in) und Zuhörern zur Kommunikation kommt, dass aus der Lesung ein Gespräch wird.

Sibylle Knauss verließ 1993 das Saarland. Was sie nicht davon abhielt, den Einladungen Gerhard Sauders ins ILF zu folgen und in der neuen Stadtbücherei ihre Bücher, eins nach dem anderen, vorzustellen – „warmherzig empfangen, klug moderiert und von zahlreichen alten Freunden, Bekannten, ehemals Nachbarn und Kollegen willkommen geheißen. Es war jedes Mal wunderbar. Eine Wiederbegegnung der besonderen, der saarländischen Art.“ (Sibylle Knauss im Rückblick)

Gerhard Sauder prägte das ILF 27 Jahre lang, von 1988 bis Frühjahr 2015, und brachte das Forum auf ein neues Niveau. Umso wichtiger waren seine Einführungen zu Person und Werk des Autors, der Autorin. Zugunsten des Niveaus nahm der Professor auch wenig besetzte Stuhlreihen in Kauf, aber auch publikumswirksame Veranstaltungen fehlten nicht. Da gab es die Gedenkjahre: zum hundertsten Todesjahr von Friedrich Schiller 2005 „St. Ingbert liest Schiller“ oder 2008 den Schülerwettstreit zum Hundertsten von Wilhelm Busch. Da gab es Mundartabende und Literarische Führungen. Am beliebtestem waren Literaturfeste, die Saarländer feiern gern.

Sauders Grundsätze waren: „Bei der Gründung des ILF hatte Fed Oberhauser immer wieder betont, es solle keine bürokratische Form bekommen und durch einen Arbeitskreis organisiert werden. Ihm sollten St. Ingberter Buchhändler, Verleger, Deutschlehrerinnen und -lehrer, Literaturinteressierte und Schriftsteller angehören. Neben den Lesungen sollte das ILF auch größere Literaturfeste und Symposien veranstalten. Unterstützung dafür sollte bei Sponsoren eingeworben werden. Bei der Auswahl von Autoren und Autorinnen für Lesungen kamen aus finanziellen Gründen nur wenige in ganz Deutschland anerkannte in Frage. Mit Geschick konnten junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die bereits mit ihren ersten Büchern erfolgreich waren, für Lesungen geworben werden. Erfreulicherweise wurden aber auch ‚regionale‘ Dichter wie Ludwig Harig, Alfred Gulden, Johannes Kühn oder Sibylle Knauss oder nichtprofessionelle Autoren wie Hans-Guido Klinkner oder Siegmund Nimsgern gern gehört. Verfasser von Trivialliteratur hat der Arbeitskreis nicht eingeladen.“

Sommer 2015 übernimmt der Gymnasiallehrer Jürgen Bost den Vorsitz des Literaturforums. In Jahresrückblicken berichtet er ausführlich über seine neue Arbeit. Den Auftakt bildete „In alter Frische“, die Autobiographie der “Mundartpäpstin“ Edith Braun.

Bosts Buchpräsentationen sind vielfältig: Neben Roman, Krimi und Lyrik, Sachbuch und Tagebuch, Geschichten, Briefen und Liedern auch Anthologien („St. Ingbert. Literatur einer Stadt“). Musikbegleitung ist beliebt, auch in Szene gesetzte Lesung kommt gut an („Literatur von Frauen der Weimarer Republik“). Die Breite des Programms ermöglichen Kooperationen mit literarischen Gesellschaften (vor allem der KEB, der Katholischen Erwachsenenbildung).

Besonders liegt Jürgen Bost daran, „regionale Autoren und heimische Verlage zu unterstützen“ und „die Literatur aus der Großregion Saar-Lor-Lux in den Fokus zu rücken.“

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