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Lesung mit Shirley Herzer beim St. Ingberter Literaturforum

Überaus groß war der Zustrom, als das St. Ingberter Literaturforum (ILF) zu einer Lesung mit Shirley Herzer geladen hatte, …

…die ihren im St. Ingberter Wassermann Verlag erschienenen Band „Wie gerne hätten Sie noch gelebt (Wilhelm Zeigers Briefwechsel mit St. Inberter Soldaten im 1. Weltkrieg)“ in der Stadtbücherei vorstellte.

ILF-Sprecher Jürgen Bost skizzierte in seiner Einführung die Auswirkungen und Spuren dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ in St. Ingbert. Am „Großen Krieg“, wie man bei unseren französischen Nachbarn betont, waren 40 Staaten beteiligt, 70 Millionen Menschen standen unter Waffen. Er kostete 17 Millionen das Leben und veränderte die europäische Landkarte von Grund auf.

Shirley Herzer und Verleger Albrecht Zutter

Verleger Albrecht Zutter führte sodann in die spannende Entdeckungsgeschichte dieser unersetzlichen historischen Blätter ein. Es handelt sich um Rundbriefe des in St. Ingbert beheimaten Fotografen Wilhelm Zeiger, der von 1894 bi 1913 ein kleines Ladengeschäft in der Kaiserstraße 62 (nachmals Foto Hönemann) betrieb. Als langjähriger Vorsitzender des örtlichen Turnvereins pflegte er den Kontakt mit vielen jungen Vereinsmitgliedern, die 1914 an viele Frontabschnitte von der Somme bis Galizien verstreut wurden, um dort Volk und Kaiser zu dienen.

Die Briefe, die er von den einzelnen Soldaten erhielt, wertete er aus und bündelte sie zu Rundbriefen, die er seinerseits wiederum an etwa hundert Frontkämpfer verschickte. Bei Recherchen Albrecht Zutters stellte sich dann heraus, dass sich die komplette vielhundertseitige Briefsammlung Wilhelm Zeigers im Nachlass der Schwiegereltern seiner Autorin Shirley Herzer befand. Die aus dem Westen der USA stammende Wahl -St. Ingberterin konnte die Sütterlinschrift, in der all die Dokumente verfasst waren, lesen. „Meine Schwiegermutter schrieb nur in Sütterlin. Also musste ich es lernen, um zu verstehen, was sie notierte.“

Konsequenterweise schrieb Shirley Herzer getreu ihrer Maxime „Vergangenheit ist nie ganz vergangen“ die umfangreiche Hinterlassenschaft sorgfältig ab und wählte bei ihrem behutsamen chronologischen Vorgehen sowohl ernste, bedrückende Nachrichten als auch heitere und ironische Passagen aus, die einen ebenso präzisen wie unmissverständlichen Eindruck von der Erlebniswelt der jungen Saarländer in Schützengräben, Etappe, Lazaretten und gelegentlich auch der Heimat vermitteln. Wie der Titel verrät, hatten diese jungen Männer sicher andere Träume, als ihr Leben allzu früh auf dem Schlachtfeld zu beenden. Knappe historische Einführungen und aussagestarkes Bildmaterial komplettieren den sorgfältig gestalteten Band.

Shirley Herzers Vortrag fand großen Anklang bei ihrem aufmerksamen Auditorium. Es ergaben sich zahlreiche persönliche Nachfragen und besondere Beiträge, die aus den Erinnerungen an das Erleben eigener Vorfahren gespeist wurden. Besonderes Interesse weckte auch der spätere Lebensweg des Berichterstatters Wilhelm Zeiger. Der einst glühende Patriot und Nationalist hatte sich zum Sozialradikalen gewandelt und war in die Nähe von Koblenz verzogen.

Solche Zeitzeugnisse gehen alle an, die sich als Europäer begreifen und nicht müde werden, unsere Erinnerungskultur an kommende Generationen weiterzutragen, betonte ILF-Sprecher Jürgen Bost in seinem Schluss- und Dankenswort. Er kündigte als nächste Veranstaltungen es Literaturforums für den 6. März 2019 Elke Schwab mit ihrem Saarlandkrimi „Tief unter Wasser“, für den 10. April 2019 Alphonse Walter mit seiner Neuübersetzung des „Ami Fritz“ von Erckmann-Chatrian und für den 15. Mai Karl-Heinz Ott aus Freiburg mit seinem viel beachteten Roman „Und jeden Morgen das Meer“ an. Alle diese Lesungen beginnen um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei St. Ingbert. Der Eintritt ist frei.

Shirley Herzer: Wie gerne hätten sie noch gelebt
122 Seiten
Wassermann Verlag St. Ingbert
ISBN 978-3-928030-35-9
Preis: 15.- Euro
Bestellbar unter der E-mail Adresse wassermannverlag@aol.com
bzw. der Faxnummer 06894/386949

 

J. Bost, ILF

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