Nachrichten

Montag, 28. November 2022 · bedeckt  bedeckt bei 7 ℃ · Igor Levit. No Fear. Verkaufsoffener Sonntag mit Fotoaktion „Rentierschlitten“ Rohrbacher Weihnachtsmarkt an neuem Platz

Facebook Twitter Instagram RSS Feed

Mahnwache erinnerte an die Verbrechen der Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht 1938

NIE WIEDER! Am 9. November 2022 führte das St. Ingberter Bündnis für Weltoffenheit, Vielfalt und Toleranz im neu geschaffenen Freiraum der renovierten Engelbertskirche,

mit Zustimmng von Herrn Pfarrer Daniel Zamilski, eine Mahnwache anlässlich der Jährung der Reichspogromnacht durch. Am Ende fand ein schweigendes Gedenken mit Kerzenlichtern vor der Kirche statt.

Der Sprecher des Bündnisses, Michael Hoor, begrüßte die zahlreichen Besucher*innen und eröffnete die Mahnwache. Er erinnerte an die organisierten Verbrechen und die Gewalt der Nationalsozialisten im gesamten Deutschen Reich an den jüdischen Mitbürgern, an die Inbrandsetzung von hunderten Synagogen, die Zerstörung von tausenden Geschäften und die Ermordung von 90 Juden in der Reichspogromnacht. Die NSDAP und SA nannten diese Nacht zynisch „Reichskristallnacht“.

Die Sprecherin des Bündnisses, Roselie Stief, gab einen Überblick über die Ausschreitungen und Zerstörungen der NSDAP in dieser schrecklichen Nacht im Saarland. Sie erinnerte daran, dass im Saarland – mit der Saarabstimmung am 13. Januar 1935 ins Reich eingeglieder – in der Reichspogromnacht an 30 Orten Ausschreitungen, meist von den NSDAP–Ortsgruppen ausgehend, stattgefunden haben. Dass 14 Synagogen verwüstet, die Innenausstattung, insbesondere religiöse Kultgegenstände zerstört oder in Brand gesetzt, zahlreiche jüdische Friedhöfe und Gräber geschändet, Privat- und Geschäftsbesitz beschädigt oder vernichtet wurden. All dies oft unter dem Applaus von Teilen der örtlichen Bevölkerung.

Marcella Hien rief ins Gedächtnis, wie die Nationalsozialisten und ihre Anhänger in St. Ingbert vor der Saarabstimmung 1935, danach bis 1938 und darüber hinaus, die Gleichschaltung voran trieben. Auch wenn es in der Nacht vom 9. auf den 10. November in St. Ingbert nicht zu Pogromen kam, so trugen doch die rassistischen Aktivitäten und die massive Propaganda der NSDAP und ihrer Anhänger dazu bei, dass die meisten St. Ingberter Juden bis zur Reichspogromnacht 1938 schon St. Ingbert verlassen hatten und ins Ausland emigriert waren. Sie hatten ihre Heimatstadt verlassen müssen, um der Rassenpolitik von Hitler und der NSDAP zu entgehen und zu überleben. Dass es in St. Ingbert nicht zu Zerstörungen und Plünderungen jüdischer Geschäfte kam, lag u.a. daran, dass fast alle jüdischen Geschäfte und Häuser schon zu günstigen Preisen an Deutsche verkauft worden waren.

Die jüdische Kultusgemeinde musste sich bereits 1936 auflösen, weil die meisten Gemeindemitglieder St. Ingbert verlassen hatten. Sie bot der Stadt ihre Synagoge und das dazugehörige Wohnhaus für 16000 Mark an. Die Stadt unter Bürgermeister Dr. Schier kaufte die Synagoge und das Wohnhaus. Die Synagoge wurde dann bis 1944 als Luftschutzschule genutzt.

Marcella Hien schilderte nun das Vorgehen einzelner fanatischer Nationalsozialisten aus St. Ingbert gegenüber jüdischen Mitbürgern, ihren Einrichtungen und Institutionen. Es wurde bespitzelt, denunziert und es wurden judenfeindliche Parolen auf Häuser geschmiert. Der Leiter der städtischen Oberschule verfolgte mit Eifer das Ziel einer „judenfreien Schule“

Michael Hoor führte weiter durch die Mahnwache, indem er all jenen, die die Erinnerungskultur an die Schrecken der Nazi–Herrschaft beenden möchten, das Gleichnis vor Augen führte von einem schweren Waldbrand, den Feuerwehrleute unter Einsatz ihres Lebens löschen wollen und all ihre Kraft aufwenden, um das Wiederaufkeimen der Glutnester am Waldboden zu verhindern, damit nicht wieder ein verheerender Großbrand entstehen kann.

Dass auch in der Gegenwart aus Glutnestern wieder größere Brände entstehen, belegen folgende Beispiele: Nach dieser Überleitung erinnerte Jürgen Berthold an den Mord durch Brandlegung von Neonazis an der Flüchtlingsunterkunft in Saarlouis-Fraulautern, in der der junge Samuel Kofi Yeboah aus Ghana am 19.September 1991 wohnte. Samuel wohnte unter dem Dach, bemerkte den Brand zu spät und kam durch schwerste Brandverletzungen und Rauchvergiftung ums Leben. 20 weitere Bewohner konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die saarländischen Ermittlungsbehörden legten schon nach einem Jahr die Ermittlungen zu den Akten und stuften den Brandanschlag und Mord nicht als rechtsextremistisch motivierte Tat ein. An dieser Haltung änderte sich trotz wiederholter Proteste von saarl. Organisationen 30 Jahre lang nichts.

Erst 2020/2021 wurde das Verfahren von der Generalbundesanwaltschaft wieder aufgenommen und tiefer ermittelt. Dabei kamen durch neue Zeugen weitere Erkenntnisse zutage. Endlich wurde im April 2022 ein Hauptverdächtiger namens Peter S. aus der damaligen Neonaziszene in Saarlouis in Untersuchungshaft genommen. Die Anklage lautet Mord , Mordversuch in 20 weiteren Fällen und Brandstiftung. Der Prozess beginnt am 16. November 2022. Der heutige Polizeipräsident des Saarlandes, Norbert Rupp, hat sich für die damalig schlampige Ermittlungen der saarl. Polizei und des saarl. Verfassungsschutzes entschuldigt.

Roselie Stief wies auf zwei Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte hin, die aktuell im Oktober 2022 geschahen. Brandanschlag und Mordversuch in Groß-Strömkendorf bei Wismar in Mecklenburg–Vorpommern am 20.10.2022 auf eine Flüchtlingsunterkunft (Hotelkomplex). Sie wurde völlig zerstört. 14 Bewohner, Kriegsgeflüchtete aus der Ukraine und 3 Mitarbeiter*innen konnten rechtzeitig und unverletzt in Sicherheit gebracht werden. Aber sie haben ihr Hab und Gut, Ausweise und ihre wichtigen Dokumente verloren. Die Polizei geht von einem Brandanschlag mit vermutlich politischem Hintergrund von Rechten aus. Der Staatsschutz ermittelt.

Brandanschlag auf das ehemalige Spree-Hotel in Bautzen im Bundesland Sachsen. Das Hotel wurde gerade zur Aufnahme von 30 Geflüchteten , vorwiegend Familien, hergerichtet. Die Täter schlugen im Erdgeschoss Fenster ein und warfen Brandsätze ins Gebäude. 4 Mitarbeiter, die sich zu dem Zeitpunkt in dem Gebäude aufhielten, blieben unverletzt. Die Polizei ermittelt. Wenige Tage vorher am Dienstag, den 25.10.2022, hatte die AfD mit einer Versammlung vor der Unterbringung von Flüchtlingen in diesem ehemaligen Spree–Hotel protestiert.

Michael Hoor stellte zum Abschluss der Mahnwache in der Engelbertskirche fest „Die Glutnester sind da. Hoffentlich gibt es genügend Menschen, die sie bekämpfen, um neues großes Feuer zu verhindern. Wir hoffen, dass alle, die heute hier sind, Hass und Gewalt, wo immer sie diese antreffen, energisch bekämpfen werden.“

Gabi Klees , die bekannte saarl. Sängerin und Liedermacherin, geleitete durch die Mahnwache mit berührenden Liedern zur Gitarre wie z.B. „ Wir sind die Moorsoldaten“ oder ihr selbst getextetes und komponiertes Lied über die Widerstandskämpferin Änne Meier, die in St. Ingbert wirkte. Oder mit einem Lied von den von den Nazis verfolgten und ermordeten Roma und Sinti.

Zum Schluss wurden die Besucher gebeten, mit vor die Engelbertskirche zu kommen, Kerzenlichter anzuzünden und schweigend den Opfern des Nationalsozialismus und des gegenwärtigen Rechtsextremismus zu gedenken.

Es wurde auch der Besuch der Ausstellung „Hasserfüllt – Rechtsextremismus in Deutschland“ im Kuppelsaal des Rathauses empfohlen, die noch bis zum 18. November stattfindet.

Ein Kaffee für's Team

PER PAYPAL SPENDEN – DANKE!

Werbung

Im St. Ingberter Anzeiger werben

Tag-Übersicht

Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar schreiben

Bitte lesen Sie sich die Netiquette für unseren Kommentarbereich durch, bevor Sie einen Beitrag verfassen. Vielen Dank!

St. Ingberter Anzeiger ·
1865–2022