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„Nachrichten im Zeitalter des Newsrooms“ – Informationstechnologie als Chance für publizistische Qualität

Experten aus Medienwirtschaft, Journalismus und Management diskutierten im Forum Medienzentrum, einer Kooperationsveranstaltung von Scheer Management GmbH, Landesmedienanstalt Saarland (LMS) und MedienNetzwerk SaarLorLux (MNS), auf hohem fachlichem Niveau aktuelle Entwicklungen publizistischer Arbeit in Presse, Rundfunk und Internet angesichts einer konvergenten Medienwelt und neuer Informationstechnologien.
Gastgeber Dr. Gerd Bauer, Direktor der LMS und Vorsitzender des MNS, betonte, dass seine Medienanstalt wie auch andere Regulierungsbehörden vor der Herausforderung stünden, medienpolitisch auf eine Konvergenzentwicklung zu reagieren, die in ihrer Dynamik keine Rücksicht auf die Dauer gesetzgeberischer Prozesse nimmt: „Regulierung und Aufsicht werden sich aus Detailebenen zurückziehen müssen, um sich medienübergreifend grundsätzlicheren Fragen zu widmen. Maßgeblich muss sein, die Informationsfreiheit sowie die Zugangsfreiheit zu gewährleisten und die Schutzrechte der Allgemeinheit zu sichern. Hierzu hat die Veranstaltung wesentliche Anregungen geliefert, die wir in die bundesweite Debatte einbringen werden“.
Die Referenten der Tagung, die von Dirk Beenken, Senior Partner der Scheer Management GmbH moderiert wurde, setzten in ihren Beiträgen folgende Schwerpunkte:
Stefan Aust, Geschäftsführer von N24, brachte seine aus langjähriger Medienerfahrung geschöpften Erkenntnisse multimedialer Verarbeitung und Verbreitung journalistischer Inhalte in einen spannenden Vortrag ein, der als Plädoyer für eine Vernetzung von Print-, Rundfunk- und Online-Aktivitäten verstanden wurde. Jede Redaktion sei gut beraten, in ihre Arbeitsprozesse frühzeitig alle angestrebten Verwertungsformen zu integrieren. Selbst eine Wochenzeitschrift müsse in ihrem Online-Auftritt eine hohe Aktualität aufweisen. Maßgeblich sei aber eine redaktionelle Qualitätssicherung, um die Verlässlichkeit der jeweiligen Marke nicht zu gefährden. Das Internet habe die elektronische Kommunikation zwar demokratisiert, Fehlinformationen könnten aber ebenso schnell verbreitet werden wie recherchierte Fakten.
Noch in den Kinderschuhen sieht Aust die Kommunikationsästhetik im Internet. Dies betreffe sowohl redaktionelle Inhalte als auch die Werbung. Auch müssten noch schlüssige Geschäftsmodelle für eine hinreichende Refinanzierung journalistischer Leistungen entwickelt werden.
Im Bereich der Wahrung von Urheberrechten stehe die Entwicklung noch am Anfang. Aust sieht hier ein drängendes Problem, dessen sich Landesmedienanstalten und Politik unbedingt annehmen müssten, ebenso wie der Frage möglicher Wettbewerbsverzerrungen durch den Ausbau von Online-Angeboten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
Martin Bewerunge, Chef vom Dienst der Rheinischen Post, bewertete in seinem Vortrag die Wettbewerbssituation hinsichtlich öffentlich-rechtlicher Angebote ebenfalls kritisch. Inhaltlich müssten sich die Online-Angebote der Presse in der Konkurrenz zu anderen Informationsportalen dadurch auszeichnen, dass sie sich nicht auf die reine Nachrichtengebung beschränkten. Vielmehr müssten Sie die Hintergründe von Nachrichten mit journalistischen Mitteln erhellen. Eine Gefahr der schnellen und aus höchst unterschiedlichen Quellen gespeisten Kommunikation im Internet sei die Auflösung von Kontexten. Journalisten falle hier die Aufgabe zu, Informationen zu „rekontextualisieren“ und zu bewerten. Dabei entstünden auch neue Formen der Recherche, die Bewerunge unter dem Begriff „Datenjournalismus“ erläuterte. Das Printmedium Zeitung bleibe dabei Marke und Ankerpunkt der Online-Angebote. Auch Bewerunge betonte, dass Journalismus gerade in der konvergenten Medienwelt eine zuverlässige und orientierende Instanz bleiben müsse. Deshalb gelte auch für das Netz: „Marke geht vor Schnelligkeit und Sorgfalt vor Aktualität“.
Michael Ludewig, Stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur, gab einen detaillierten Einblick in die Arbeit des Newsrooms der dpa. Die Agentur habe sich in den letzten Jahren vom Lieferanten von Nachrichten zum Netzwerk gewandelt, in dem Inhalte multimedial aufbereitet und interaktiv mit den Partnern kommuniziert werden. Im Newsroom selbst werde stark zentralisiert und ressortübergreifend gearbeitet. Überlebenswichtig für die Arbeit einer Agentur seien Präzision und Schnelligkeit. Die Unternehmensziele fasste Ludewig entsprechend zusammen unter „Multimedialität“, „Multikanalfähigkeit“ und „Multiressortfähigkeit“.
Von hoher Relevanz für die Qualität des Angebots sind laut Ludewig Organisationsform und Arbeitsprozesse einer Agentur. Die genossenschaftliche Form der dpa, bei der Journalismus und Geschäftsführung gleichberechtigt gegenüber den Gesellschaftern auftreten, gewährleiste die Unabhängigkeit der Arbeit. Die Arbeitsprozesse seien den neuen Anforderungen entsprechend modernisiert worden, auch an der Nachrichtensprache werde ständig gearbeitet. Ludewig stellte angesichts von Konvergenz und Wettbewerb zuversichtlich fest: „Auch unter verstärktem ökonomischem Druck ist Qualitätsjournalismus möglich!“
Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks, veranschaulichte die Veränderungsprozesse, die auch der SR in den letzten Jahren im Hinblick auf die neuen Herausforderungen der Medienwelt vorgenommen hat. Parameter für diese Prozesse seien rechtliche, technische und ökonomische Rahmenbedingungen sowie ein geändertes Nutzerverhalten. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse daher Alternativen zum linearen Programmangebot entwickeln. Das betreffe nicht nur den Nachrichtenbereich sondern alle Ressorts, die von der trimedialen Vernetzung der Medien betroffen seien. Da der SR – auch auf Grund seiner ökonomischen Lage – den Newsroom als Brücke zwischen Hörfunk und Fernsehen und schließlich unter Einbeziehung des Online-Bereichs frühzeitig organisiert habe, sei er diesbezüglich Vorreiter in der ARD. Für die Zukunft könne er sich vorstellen, dass mit dem Newsroom auch multimediale Content-Redaktionen und trimediale Chefredaktionen vernetzt würden. Auch die journalistische Ausbildung müsse multimedial ausgerichtet werden.
Hinsichtlich der Wettbewerbsdiskussion mit den Presseverlagen riet Kleist zu mehr Pragmatismus und Gelassenheit. Im Saarland habe man sich zwischen Presse und SR darauf verständigt, dass jeder den Bereich bearbeiten sollte, für den er die höchste Kompetenz aufweist. Diese Arbeitsteilung erlaube dann auch einen Austausch von Inhalten, ohne die publizistische Konkurrenz zu beseitigen.
Prof. Dr. August Wilhelm Scheer, Gründer der Scheer Group und ehemaliger Vorsitzender der Bitkom, erläuterte als Mitveranstalter des Forums den Stellenwert von Planungs- und Produktionsprozessen für den Erfolg von Medienunternehmen. Aus seiner langjährigen Erfahrung aus der IT-Branche, die durch eine rasante Entwicklung geprägt ist, riet er den Medienfachleuten dringend, ihre Geschäftsprozesse ständig zu überprüfen. Scheer schilderte anschaulich aus seiner Branche, wie rasch das Versäumen notwendiger Veränderungen unternehmerisches Scheitern nach sich zieht.
Die Prozesse in Medienhäusern müssten ressortübergreifend und multimedial integriert verlaufen. In den Unternehmen, die ihr Prozessmanagement verbessert hätten, seien Ressourcen optimal genutzt und dadurch Kräfte für journalistische Aufgaben frei geworden. Ökonomie der Prozesse schaffe so in gelingenden Strukturen die Voraussetzung für journalistische Qualität.

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