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Rotweiße Blechtommeln und zu häutende Zwiebeln

Szenische Lesung zum literarischen Schaffen von Günter Grass. Der 60. Geburtstag des Erscheinens der „Blechtrommel“ war für Gertrud Fickinger, Leiterin der

Katholischen Erwachsenenbildung Saarpfalz (KEB), und Jürgen Bost, Sprecher des St. Ingberter Literaturforums (ILF), ein willkommener Anlass, sich des Gesamtwerks von Günter Grass anzunehmen und das international gefeierte und verehrte Aushängeschild der deutschen Nachkriegsliteratur im Rahmen einer szenischen Lesung zu würdigen. Für diese komplexe Herausforderung präsentierten sich der Theologe Stefan Schwarzmüller und der Germanist Thomas Kuhn in der Stadtbücherei St. Ingbert einem überaus interessierten Publikum.

Im abgedunkelten Saal erblickte der „hellhörige Säugling“ Oskar Matzerath unter dezenten Trommelschlägen quasi als Intro zum Auftritt von Schwarzmüller und Kuhn das Licht der Welt. Die Protagonisten des Abends skizzierten in souveräner Zusammenfassung den Handlungsverlauf des Grassschen Debütromans und präsentierten in einem eindrucksvollen Zusammenspiel das zentrale Kapitel „Glaube Liebe Hoffnung“. Die blasphemischen und pornografischen Elemente des Textes wurden dabei pantomimisch dargestellt bzw. durch Austeilen des hier unverzichtbaren Brausepulvers sehr diskret auch materiell manifestiert.
Diese Veranstaltung war weitaus mehr als eine Lesung, sondern geriet vielmehr über weite Strecken zu einem auf das Wesentliche reduzierten Theaterstück, informativ, nachdenklich und unterhaltsam zugleich.

Deutlich wurde das vor allem im zweiten Teil, der dem autobiografischen Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ aus dem Jahr 2006 gewidmet war. Das Buch beginnt mit dem Ende der Kindheit in Danzig und dem Anfang des Zweiten Weltkriegs und endet in dem Jahr, in dem „Die Blechtrommel“ erscheint. Der Bibliotheksraum wurde nun in eine Düsseldorfer Altstadtkneipenszenerie verwandelt, und die Gäste enthäuteten selbst Zwiebeln, eine Verrichtung, mit der Grass seine Leser – einer seiner genialen Romaneinfälle – die „Unfähigkeit zu trauern in einem tränenlosen Säkulum“ hautnah nachvollziehen ließ.

Mit dieser Erinnerungsarbeit waren die Hörer ganz nah beim politischen Dichter, der seinen Unmut über die Missstände in der Gesellschaft wortmächtig artikuliert, zugleich aber wegen des jahrzehntelangen Verschweigens seiner eigenen Rolle im Nationalsozialismus den Zorn der Kritiker auf sich zog. Das sensible lyrische Werk dieses vielseitigen Künstlers bildete den Abschluss der Soiree und war willkommener Anlass für manche Frage aus dem Publikum.
Gabriele Oberhauser wusste noch zu berichten, dass Günter Grass in den Anfangsjahren selbst einmal beim St. Ingberter Literaturforum gelesen hatte, Initiator und treibende Kraft dieses Zusammenschlusses literaturinteressierter Bürger war schließlich der St. Ingberter Rundfunkjournalist, Literaturkritiker und Autor Fred Oberhauser, der mit Gleichgesinnten das ILF auf der Taufe hob.

Den lang anhaltenden Applaus am Ende der szenischen Lesung hatten sich Stefan Schwarzmüller und Thomas Kuhn reichlich verdient. Sie richteten den eindringlichen Appell an das Publikum, die „Blechtrommel“ erneut komplett zu lesen, das habe dieses „Vorbildwerk“ unbedingt verdient. Gertrud Fickinger und Jürgen Bost dankten ihren Pirmasenser Gästen herzlich in ihren Schlussworten. Bost wies zudem noch auf die zwölfte und letzte Autorenbegegnung in dem zu Ende gehenden Jahr hin, eine in Zusammenarbeit mit der Deutsch-polnischen Gesellschaft Saar organisierte Lesung mit Martyna Bunda, die für ihren Roman „Das Glück der kalten Tage“ für den höchsten polnischen Literaturpreis nominiert wurde (27. November 2019) und nach Auftritten in Salzburg und Basel auch in St. Ingbert zu Gast sein wird.

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