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Stellungnahme des Aktionsbündnisses

Das ehrenamtliche Aktionsbündnis „Tiere gehören zum Circus“ äußert sich mit einem offenen Brief zur aktuellen Diskussion über (Wild)Tiere im Zirkus:

 

 

Kirchheimbolanden, Datum 11.03.2017

Oberbürgermeister der Stadt St. Ingbert
Hans Wagner
Am Markt 12
66386 St. Ingbert

 

Stellungnahme / offener Info-Brief zur Pressemitteilung der Stadtverwaltung zum Zirkusgastspiel von Carl Althoff in Sankt Ingbert

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Wagner,

als Zusammenschluss ehrenamtlich tätiger Zirkusfreunde setzen wir uns für den Erhalt des Kulturguts „Klassischer Zirkus“ auf der Basis von modernen Standards guter Tierhaltung ein. Mit diesem Info-Brief möchten wir zu Ihrer Pressemitteilung zum Gastspiel des Zirkus Carl Althoff in St. Ingbert Stellung beziehen.

Mit dem vorliegenden Schreiben wollen wir gängige Argumente der Gegner von (Wild)- Tierhaltungen im Zirkus widerlegen und über die Gegebenheiten und Standard der Tierhaltung in einem modernen Zirkusbetrieb sowie über die Rechtslage für Zirkusveranstaltungen mit Tieren in Deutschland aufklären.

Da uns keine konkreten Informationen vorliegen, was Sie an dem rechtlich einwandfreien und tierschützerisch unbedenklichen Gastspiel des Zirkus Carl Althoff auszusetzen haben, haben wir uns in unserer Argumentation an den Aussagen des Musterantrags für sogenannte „Wildtierverbote“ (Punkte 1 bis 5) der Organisation PETA im Internet orientiert. Danach gehen wir noch auf ein weiteres Argument ein, das zwar im Musterantrag nicht vorkommt, aber dennoch häufig angeführt wird (Punkt 6). Den Abschluss bildet eine Überlegung, die Gegner von Zirkusvorstellungen mit (Wild-)Tieren regelmäßig übersehen (Punkt 7).

1) „Wildtiere können in reisenden Zirkusunternehmen nicht tiergerecht gehalten werden.“

Die Begründung des PETA-Musterantrags beginnt mit der Behauptung, Wildtiere könnten in reisenden Zirkusunternehmen nicht tiergerecht gehalten werden. Genau diese Frage war bereits im 2015 Jahr Gegenstand eines Gutachtens des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags. Das Ergebnis war eindeutig:

„Trotz umfassender Recherche konnten keine unabhängige Studien gefunden werden, die belegen, dass es sich bei der Haltung von ,,Wildtieren“ im Zirkus nicht nur in Einzelfällen um Tierquälerei handelt bzw. das Wohl der Tiere beeinträchtigt ist.“

Quelle: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags (24. 09. 2015): Sachstand „Wildtierhaltung im Zirkus“, Aktenzeichen: WD 5 – 3000 – 123/25: http://www.bundestag.de/blob/405890/280668d0fd13788652c3506a36875b8a/wd-5-123-15-pdfdata. pdf

Für eine systemimmanente Quälerei von Wildtieren im Zirkus, wie sie im Musterantrag unterstellt wird, existieren also keine Belege. Dagegen sind fast alle Wissenschaftler, die sich aufgrund von Vor-Ort-Untersuchungen mit dem Thema beschäftigt haben, zu dem Schluss gekommen, dass eine tiergerechte Unterbringung von Wildtieren in einem reisenden Zirkus sehr wohl möglich ist und in modernen, verantwortungsvollen Unternehmen auch praktiziert wird. Das Training in der Manege habe eine stimulierende Wirkung auf die Tiere und fördere deren körperliche und geistige Fitness. Eine Zusammenstellung dieser Studien finden Sie auf unserer Homepage unter „Forschung“: http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de/forschung.htm

Folgerichtig wurden von den drei Bundesratsinitiativen für ein bundesweites Wildtierverbot zwei Anläufe bereits mit breiter Mehrheit des Bundestages abgelehnt. 2016 wurde ein dritter Anlauf initiiert, ohne dass sich die Faktenlage seither geändert hätte.

2) Bei der Hälfte aller amtstierärztlichen Kontrollen kommt es zu Beanstandungen.

Auf der Grundlage bundeseinheitlicher Regelungen finden in jedem Gastspielort Kontrollen durch die Veterinärämter statt. Als Hilfsmittel dienen dabei die Tierbestandsbücher der Tierhalter und das Zirkuszentralregister, ein Online-Verzeichnis. Das macht den Zirkus zum meist kontrollierten Tierhaltungsbetrieb Deutschlands. Doch auch hinsichtlich der Kontrollergebnisse werden im PETAMusterantrag problematische Behauptungen aufgestellt. So heißt es: „Die Bundesregierung teilte 2014 mit, dass im zuletzt erfassten Berichtsjahr 2011 insgesamt 895 amtstierärztliche Kontrollen in Zirkusbetrieben durchgeführt wurden. Dabei stellten die Veterinäre 409 Verstöße gegen die Haltungsanforderungen für Tiere fest – also bei fast jeder zweiten Kontrolle.“

Die Aussage der Bundesregierung wird zwar korrekt wiedergegeben, basiert jedoch auf dem Zirkuszentralregister als einziger Datenquelle. Dieses Register soll dazu dienen, Änderungen im Tierbestand und ggf. auftretende Beanstandungen zentral zu dokumentieren. Aus diesem Grund sieht der Verordnungstext vor, dass Informationen lediglich eingetragen werden, „soweit diese der erteilenden Behörde nicht vorliegen oder der Aktualisierung bedürfen“. Positiv verlaufende Kontrollen, wie sie bei vorbildlich geführten Zirkusbetrieben die Regel sind, werden in den meisten Fällen nicht im Register erfasst. Das Register ist also ein effektives Überwachungsinstrument, lässt aber keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der Kontrollen zu. Somit kann auch die prozentuale Häufigkeit der Beanstandungen nicht ermittelt werden. Eine Statistik, die allein auf den Registereinträgen beruht, wird also immer zu Ungunsten der Zirkusse ausfallen. Erste Recherchen auf der Grundlage der Tierbestandsbücher – in denen (anders als beim Zentralregister) alle Kontrollen festgehalten werden müssen – ergaben, dass die Zahl der positiven Kontrollen die Zahl der Kontrollen, die zu Beanstandungen führen, um ein Vielfaches übertrifft.

3) „Zwei Drittel der Deutschen unterstützen repräsentativen Umfragen zufolge ein Wildtierverbot im Zirkus.“

Zunächst bezweifeln wir die Glaubwürdigkeit solcher Umfragen, da deren Ergebnis immer von der Fragestellung abhängt. Wir möchten hier z. B. an den enormen Erfolg erinnern, den der Circus Krone im vergangenen Herbst bei seiner Tournee durch Bayern hatte (u. a. in Neustadt, Coburg, Lauf, Gunzenhausen, Bayreuth, Amberg, Regensburg). Innerhalb weniger Wochen besuchten Zehntausende die Vorstellungen des wildtierreichsten Zirkus in Deutschland (Elefanten, Löwen, Tiger, Seelöwen, Zebras, Papageien). Allein in Lauf an der Pegnitz zählte man ca. 30.000 Zuschauer. Da Circus Krone seine Wildtiere in der Werbung groß herausstellt, kann man davon ausgehen, dass sich diese Menschen bewusst für einen Besuch in einem traditionellen Zirkus mit Wildtieren entschieden haben. Auf unserer Facebook-Seite haben wir diesen Erfolg dokumentiert. Beispielhaft verweisen wir auf die Fotos vom Gastspiel in Gunzenhausen: https://www.facebook.com/AktionsbuendnisCircustiere/posts/1437843846232316 Auch die anderen Tierzirkusse konnten im Herbst 2016 große Erfolge verzeichnen.

Selbst wenn die Umfrageergebnisse die wahren Verhältnisse abbilden würden, kann man damit nicht die Einführung von Tierverboten begründen. Wildtiere im Zirkus könnten nur dann verboten werden, wenn ihre Haltung gegen das Tierschutzgesetz verstoßen würde. Doch dies ist ganz offensichtlich nicht der Fall (siehe oben).

4) „Auch unter dem Aspekt der Gewährleistung der Sicherheit (…) ist die Haltung exotischer Tiere im reisenden Zirkusbetrieb abzulehnen.“

Von einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch die Wildtierhaltung im Zirkus, wie sie als Grund für ein Verbot angeführt wird, kann keine Rede sein. Großwildtiere wie Elefanten, Nashörner oder Flusspferde, die von einem Wildtierverbot im Zirkus betroffen wären, sind mangels relevanter Vorkommnisse etwa in keinem einzigen deutschen Bundesland auf den Listen gefährlicher Tierarten geführt. Die Unfallzahlen durch Wildtierhaltung werden bei weitem dominiert durch die Reptilienhaltung in Privathaushalten. Unfälle mit Zirkustieren spielen praktisch keine Rolle. Dass wenige Einzelfälle, wie der unter ungeklärten Umständen aus einem Gehege entlaufene Elefant des Circus Luna 2015, von Seiten der Tierrechtler immer wieder aufgegriffen werden, spricht für diese These.

Die im Zirkus besonders intensive Mensch-Tier-Beziehung spielt hierfür eine entscheidende Rolle. Tierlehrer sind Fachleute, die ihre Tiere von klein auf kennen. Ein intensives Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier ist die Grundlage für jede Dressur und gleichzeitig auch ein Garant für Sicherheit. Deshalb ist es nicht überraschend, dass gefährliche Zwischenfälle im Wesentlichen bei privaten Haustierhaltern auftreten, nicht aber im professionellen Tierhaltungsbetrieb Zirkus.

5) Kommunale Wildtierverbote sind rechtlich unbedenklich.

Davon kann überhaupt keine Rede sein. Die Haltung von Wildtieren im Zirkus wird durch das Tierschutzgesetz und die Zirkus-Leitlinien auf Bundesebene geregelt. Kommunale Wildtierverbote stehen zu den Regelungen des Bundes im Widerspruch und sind deshalb immer fragwürdig.

In erster Instanz haben die Verwaltungsgerichte Darmstadt, Chemnitz, Hannover und zuletzt Meiningen bereits Wildtierverbote für rechtswidrig erklärt. Das niedersächsische Oberverwaltungsgericht Lüneburg und das Oberverwaltungsgericht Greifswald haben dies kürzlich in höherer Instanz bestätigt, dass Wildtierverbote den Kompetenzbereich der Kommunen übersteigen und einen unzulässigen Eingriff in die Berufsfreiheit darstellen. Die Entscheidung ist nicht anfechtbar und auf Grund ihrer einzelfallübergreifenden Begründung ist davon auszugehen, dass sie einen Präzedenzfall darstellen wird. Dem gegenüber steht lediglich ein früheres erstinstanzliche Urteil, das ein Wildtierverbot in Erding bestätigt hatte. Die Rechtsprechung ist damit klar gegen kommunale Wildtierverbote gerichtet.

Auch der Rechtsanwalt Dr. Roland Steiling (Kanzlei Graf von Westphalen) hat sich in einem Gutachten mit der Rechtmäßigkeit kommunaler Wildtierverbote befasst und kommt zu folgendem Ergebnis:

„Die beschriebenen kommunalen Wildtierverbote sind – unabhängig von der konkreten Ausgestaltung im Einzelfall – nach unserer rechtlichen Überzeugung rechtswidrig. Derartige Nutzungsbeschränkungen verstoßen gegen die Kompetenzordnung des Grundgesetzes und widersprechen dem geltenden Tierschutzrecht. (…) Die kommunalen Wildtierverbote verstoßen damit gegen Bundesrecht und sind nicht von der Selbstverwaltungskompetenz des Art. 28 Abs. 2 GG gedeckt.“

Quelle: Gutachten Dr. Ronald Steiling: http://berufsverband-der-tierlehrer.de/wp-content/uploads/2015/05/Rechtswidrigkeit-kommunaler- Wildtierverbote-Kanzlei-Graf-von-Westphalen.pdf

6) Die Bundestierärztekammer spricht sich ebenfalls für ein Wildtierverbot in Deutschland aus. Dieses Argument geht auf eine Pressemeldung des Vorstands der Bundestierärztekammer (BTK) vom 20. 04. 2010 zurück, die von Anfang an von der Fachwelt scharf kritisiert wurde. So beruht vor allem die Hauptthese der Presseerklärung auf einem eindeutigen fachlichen Fehler. Näheres hierzu finden Sie auf der folgenden Seite unserer Homepage: http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de/tr_argumente.htm#BTA

Am 24. 09. 2016 hat die BTK eine weitere Stellungnahme zum Thema „Zirkustiere“ veröffentlicht, in der sie von der Forderung nach einem pauschalen Wildtierverbot für Zirkusbetriebe abrückt: http://www.bundestieraerztekammer.de/downloads/btk/fachausschuesse/ Stellungnahme_Zirkus_final.pdf

Übrigens steht auch der Arbeitskreis „Zirkus und Zoo“ der „Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz“ (TVT) einem pauschalen Wildtierverbot ablehnend gegenüber und begründet dies damit, dass die Reformen der Zirkustierhaltung in den letzten Jahren gegriffen und zu einer deutlichen Änderung der Verhältnisse geführt hätten. Arbeitskreis „Zirkus und Zoo“ der TVT: http://www.tierschutz-tvt.de/index.php?id=14

7.) Was häufig übersehen wird:

Kommunale Wildtierverbote führen nicht zu einem Verschwinden der Wildtiere im Zirkus, sondern nur zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Unternehmen. Dies könnte zu einem unkontrollierten Zusammenbruch der Zirkusszene führen – mit allen damit verbundenen Nachteilen und Risiken für die Tiere. Deshalb kann ein Wildtierverbot für Zirkusse nur in Form eines bundesweiten Nachstellverbots erlassen werden. Natürlich würden wir auch ein solches Verbot mit guten Gründen ablehnen.

In Anbetracht der vorangehenden Argumente appellieren wir an Ihr Gewissen, zukünftigen Zirkusgastspielen in St. Ingbert aufgeschlossen zu begegnen und von unfairen Pressemitteilungen gegenüber rechtskonformen und tierschützerisch nicht zu beanstandenden Tierhaltungen Abstand zu nehmen!

Mit freundlichen Grüßen
Daniel Burow, Dirk Candidus, Bernhard Eisel
Aktionsbündnis „Tiere gehören zum Circus“

Weitere Informationen:

Unsere Websites:
http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de
https://www.facebook.com/AktionsbuendnisCircustiere

Widerlegung der häufigsten Argumente der Zirkusgegner: http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de/tr_argumente.htm

Offizielle Studien aus Deutschland (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages) und aus Großbritannien (DEFRA): http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de/defra.pdf

Zoologe Dr. Thomas Althaus zu der Studie der britischen Regierung im Jahre 2007: http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de/althaus_2.pdf

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